„Keine Macht für Niemand – Visionen einer (besseren?) Zukunft“

Den Titel dieses letzten Literarischen Cafés vor der Sommerpause – "Keine Macht für Niemand – Visionen einer (besseren?) Zukunft" – habe ich in mündlichen Vorankündigungen zugebenermassen immer etwas verkürzt als: "Wir sprechen über Anarchie". Das stimmte auch, und doch ist es nur ein Teil der Wahrheit.

Worüber wir vor allem sprachen ist, was Anarchie nicht ist und darüber, ob wir einen Umbruch, von dem wir uns indes nicht einig waren, ob dieser gewünscht oder erstrebenswert ist, ohne Macht erzielen können. Letztlich stand die Frage im Hintergrund, wie wir uns die Zukunft vorstellen und ob wir eine Vision dessen haben.

Eine dieser Visionen habe ich kürzlich auf dem Feministischen Streik am 14. Juni erlebt und habe dieses Literarische Café darum mit einem kurzen Erfahrungsbericht begonnen. Da ich hierzu bereits einen kurzen Text auf FAR – FLINTARCHIVE RESIST veröffentlich habe, teil ich an dieser Stelle lediglich den Link. Wer das Ganze nochmals veranschaulicht sehen möchte, schaut sich gerne den gezeigten Ausschnitt aus dem Barbie-Film ab Minute 2:03 bis Schluss nochmals an. Auch wenn dies sicherlich eine überspitze Darstellung ist, ist sie soweit nicht von der Realität entfernt. Letztlich war die Erfahrung auf dem Feministischen Streik sowie auch auf der Pride-Demo für mich eine anarchistische.

Was nun ist Anarchie und was ist es nicht?

Umgangssprachlich wird der Begriff Anarchie häufig mit Chaos und Willkür gleichgesetzt. Aber ist es das wirklich und bedeutet Anarchie die Abwesenheit von Macht? In einem Instagram-Reel der Aktivistin Zoa geht sie auf das Problem ein, dass Anarchie häufig mit Anomie verwechselt wird – "einem Zustand der Normlosigkeit, in dem gesellschaftliche Normen und Werte ihre regulierende Wirkung verlieren." (Wickert, Anomie) Der Begriff Anomie stammt von dem Soziologen Émile Durkheim (1858-1917) und "beschreibt einen Zustand sozialer Desintegration und normativer Orientierungslosigkeit" (ebd.). Dieser Zustand kann in Phasen schnellen sozialen Wandels oder wirtschaftlicher Krisen entstehen.

Der Soziologe Robert K. Merton (1910-2003) entwickelte den Begriff weiter und "erklärte abweichendes Verhalten als Reaktion auf eine Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Zielen und den zur Verfügung stehenden Mitteln." (ebd.) Es ist also auch eine Anpassungsstrategie, die im schlimmsten Fall für soziale Probleme wie Kriminalität und Suizide verantwortlich sein kann – ein Zustand der inneren Orientierungslosigkeit, der Macht- und Hilflosigkeit, der Isoliertheit und Vereinsamung sowie der Gesetzes- und Normlosigkeit. (Vgl. Dorsch-Lexikon)

Bei Anarchie wiederum geht es um nichts dergleichen. Vielmehr geht es um kollektive Solidarität und um Gemeinschaft. Anarchie ist zudem nicht die Abwesenheit von Ordnung, sondern ist vielmehr Ordnung als Chaos. (Vgl. Zoa) Die Regeln werden nur ganz anders verhandelt als im Kapitalismus. Es ist also auch ein Gegenentwurf zum kapitalistischen System, in dem wir gerade leben. Wie es im Reel von Zoa weiter heisst, ist Anarchie "nicht die Ursache" von Chaoszuständen, die durch den Kapitalismus erst hervorgerufen werden (wie Menschen in Armut, soziale Isolation, Kriminalität) "sondern ihre Lösung."

In einem Beitrag "Lernen vom Anarchismus" bezeichnet Luca Langensand Anarchie als "gesellschaftliche Ordnung ohne Herrschaftsstrukturen", in dem einzelnen Menschen Verpflichtungen eingehen können, aber nicht müssen. Zudem geht er auf die Etymologie des Wortes Anarchie ein, das von altgriech. anarchía stammt und zunächst wertneutral ist. Der Begriff wurde aber weiterentwickelt und hatte positive wie negative Begleiterscheinungen. Auch beschreibt Langensand, dass anarchistische Prinzipien in unserer Gesellschaft bereits vorhanden sind, wie beispielsweise anhand flacher Unternehmenshierarchien erkennbar wird.

Ländern, in denen anarchistische Prinzipien gelebt werden, sind beispielsweise Lateinamerika, asiatische Länder oder auch Osteuropa und Südafrika. Im Reel von Zoa wurde auch Rojava genannt – die demokratische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, die in Folge des Bürgerkriegs 2012 in Syrien entstand. Auch um die Jahrhundertwende (vor und nach 1900) gab es anarchistische Gesellschaften, respektive Tendenzen, in Spanien und in Russland. In Spanien abgelöst durch die Franko-Diktatur ab 1939. (Vgl. linksnet.de, Anarchismus weltweit)

Warum aber sind all diese Tendenzen so wenig nachhaltig in der Gesellschaft verwurzelt, wenn sie doch eigentlich im Kern eine Gesellschaft versprechen, die auf Gemeinschaft und Solidarität beruht und in der es folglich allen Menschen besser gehen müsste?
An dieser Stelle kommt der Begriff der Macht ins Spiel, über den es selbstredend sehr viel mehr zu sagen gäbe, als besprochen wurde. 

Eine Perspektive hatten wir bereits zu Beginn des Formats Das Literarische Café (damals: Philosophiekreis) beim Thema "Masse und Macht" erörtert. Auch hier hatten wir schon über Elias Canettis gleichnamiges Buch gesprochen, aus dem ich auch jetzt wieder zitiert habe. Diese Mal aus dem Kapitel Der Dirigent. Canetti schreibt:

"Die Aufrichtung des Menschen als alte Erinnerung [in vorheriges Kapitel: Von den Stellungen des Menschen: Was sie an Macht enthalten] ist in vielen Darstellungen der Macht noch von Bedeutung. Er [der Dirigent] steht allein. Um ihn herum sitzt ein Orchester hinter ihm sitzen die Zuhörer, es ist auffallend, daβ er allein steht. Er steht erhöht und ist von vorn und im Rücken sichtbar." (468)

An vorheriger Stelle schreibt Canetti: "Der Dirigent selber hält sich für den ersten Diener an der Musik. […] Über die folgende Deutung wäre niemand mehr erstaunt als er." (ebd.)

Der Dirigent also scheint sich seiner Macht nicht bewusst zu sein, die allein durch seine Haltung bereits entsteht. Über Haltung hatten wir auch beim Thema Widerstand gesprochen. Ein wiederkehrender Ausspruch ist in diesem Zusammenhang: "Steht auf! Zeigt Haltung!" Die Widerständigen stehen also, und sie bleiben auch stehen. Anarchist*innen sind aus meiner Sicht, zumindest solange bis Anarchismus in der Gesellschaft tatsächlich verwurzelt ist, Widerständige. Was ihnen zu fehlen scheint, und dies ist vielleicht das grösste Dilemma des Anarchismus, ist eine Führungsperson (als Deutsche weigere ich mich aus Gründen explizit von "Führer" zu sprechen). In einem bereits zuvor zitierten Beitrag auf linksnet.de heisst es dazu: "AnarchistInnen fürchten sich sehr davor, eine "Führungsrolle" einzunehmen. Manchmal scheint es so, dass AnarchistInnen die Massen nicht erreichen, weil sie davor Angst haben, sich auch nur die Frage zu stellen, wie das eigentlich gehen kann." An dieser Stelle scheint die Ablehnung von Hierarchien eher hinderlich zu sein.

Ein Thema, das wir in diesem Zusammenhang besprochen haben und mit dem ich schliessen möchte, ist Selbstermächtigung. Das bedeutet erstens, dass sich jede*r einzelne der eigenen Macht und des eigenen Einflusses bewusst ist, und dass wir zudem die Menschen ermutigen selbstwirksam, ermächtigt und damit autonom zu handeln. Das bedeutet auch, dass wir den Anderen brauchen, zum einen, um uns selbst zu erkennen, aber eben auch das Fremde in uns und in anderen. "Eigenes und Fremdes [sind] mehr oder weniger ineinander verwickelt […], so wie ein Netz sich verdichten oder lockern kann". (Waldenfels 67)

Vielleicht ist es genau das, worauf echte Solidarität und Gemeinschaft aufbaut: auf dem Erkennen des Selbst und des Anderen, der eigenen Grenzen und derer der anderen. Und vielleicht gehört genau dies zu der Vision einer besseren Zukunft, wie wir sie verhandeln könnten. Ob dies tatsächlich "Keine Macht für Niemand" bedeutet, konnten wir nicht abschliessend klären. Vielleicht ist das aber auch gar nicht so sehr das Ziel, sondern vielmehr die Machtkonzentration auf einige wenige umzuverteilen auf viele, im besten Fall auf jede*n einzelnen und damit die ganze Gesellschaft. Keine Macht aber bringt auch keine Veränderung und insofern ist Selbstermächtigung und damit das Bewusstsein für die eigene Macht wohl der erste Schritt dorthin.

Sicherlich bietet dieses Thema weiteren Diskussionsstoff und wir werden wohl noch in anderen Gesprächsrunden, ob nun im Literarischen Café oder anderswo, darauf zurückkommen. Nun aber begeben wir uns erst einmal in die Sommerpause und treffen uns am 27. September mit frischen Gedanken zu einem zugebenermassen schweren, aber für unsere Zeit hochaktuellen Thema: "Banalität des Bösen". Es wird selbstverständlich um Hannah Arendts gleichnamiges Buch zum Eichmann-Prozess gehen, jedoch möchte ich insbesondere auf zwei Romane eingehen, die dieses Thema behandeln: Der Tod ist mein Beruf (Robert Merle) sowie Die Wohlgesinnten (Jonathan Littell)

Mit erfrischenden Grüssen und guten Wünschen für die kommenden, wohl noch sehr heissen Wochen. Passt auf euch auf und meldet euch, falls ihr Lesetipps oder sonst etwas braucht.

Eure Anne

Text: © Anne Bendel, Nachbesprechung Das Literarische Café vom 21. Juni 2026
Images: Eugene Golovesov, unsplash / Tony Chen, unsplash



Quellen & Literatur:
Anarchismus weltweit, In: Linksnet.de, URL: https://www.linksnet.de/artikel/47493, abgerufen am 30.06.2026.

Bernhard Waldenfels: Topographie des Fremden. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997.

Christian Wickert: Anomie. In: SozTheo.com, URL: https://soztheo.de/glossar/anomie/, abgerufen am 30.06.2026.

Elias Canetti: Masse und Macht. Frankfurt a. Main: Fischer, 33. Auflage, 2014 (1980).

Luca Langensand: Lernen vom Anarchismus. In: COGITO - Das Wissensmagazin der Universität Luzern, URL: https://www.unilu.ch/magazin/artikel/lernen-vom-anarchismus-9038/, abgerufen am 30.06.2026.

Song: Keine Macht für Niemand, Ton Steine Scherben

archive.matter(s)

Archivierungsservice A. Bendel

© archive.matter(s) 2026