„Melancholie des Widerstands“

"sie begriff, wenn überhaupt etwas zu Ende war, dann nur der Zwischenfall, der ihr zugestoβen war, in der Welt, wo derlei geschehen konnte, setzte sich der wahnwitzige Verfall unbarmherzig fort." (Krasznahorkai 24)

Zu Beginn des Romans Melancholie des Widerstands, über den wir am Sonntag, den 17. Mai, im Literarischen Café gesprochen haben, ist Frau Pflaum, die sich aufgrund "auβerordentlicher Ereignisse" gezwungen sieht in der 2. Klasse anstatt, wie gewöhnlich, in der 1. Klasse zu reisen, einem Übergriff ausgesetzt. "Der Stoppelige" starrt sie nicht nur "gierig" und voller "trockener Verachtung" an, sondern folgt ihr auch noch auf die Zugtoilette, wo sie, nach einem unglücklichen Missgeschick, ihren Büstenhalter zu richten sucht. Der Mann versteht ihre Flucht auf die Toilette als Einladung, obwohl sie "ja… wirklich – bis zuletzt widerstanden [hatte]". (16ff.)

Bereits auf diesen ersten Seiten wird deutlich, dass wir es hier mit einem komplexen Begriff des Widerstands zu tun haben. Die Stimmung ist düster, geht dabei zugleich ins Groteske wie auch Heitere. Genau diese beiden Aspekte sind der Melancholie eigen – ein Begriff oder Konzept, das, wie der Titel bereits verlauten lässt, im Roman vorherrschend und unmittelbar mit dem Widerstand verbunden ist.

Mit Melancholie verbinden wir im Allgemeinen Begriffe wie "schwermütig", "trübsinnig", "tiefsinnig" oder auch "depressiv". (Vgl. DWDS) Allerdings hat auch der Begriff der Melancholie eine reiche Rezeptionsgeschichte. So schreibt Maria E. Müller in ihrem Aufsatz Der andere Faust. Melancholie und Individualität in der Historia von D. Johann Fausten (1986) mit Rekurrenz auf Hubert Tellenbach (Melancholie: Problemgeschichte, Endogenität, Typologie, Pathogenese, Klinik):

"der 'Begriff der Melancholie [umfaβte in der Aristotelesrezeption] vor allem das athymische und das euthymisch ekstatische Extrem, die Platonische Mania.' […] Wie sich an einer Fülle von Texten belegen läßt, kannte das gelehrte Mittelalter positive Melancholievorstellungen, die etwa vertreten wurden von dem als Magier verdächtigten Lehrer Thomas' von Aquin, Albertus Magnus, von Alexander Neckham, Wilhelm von Auvergne u.a. Vorherrschend in der moraltheologischen, medizinischen und populären Literatur war jedoch die negative Beurteilung, wie sie noch im 16. und 17. Jahrhundert in den ikonographischen Typen der Temperamentsdarstellungen, Monats- und Planetenbilder erscheint." (Müller 586)

Dieser Abschnitt zeigt die "der Melancholie inhärente Polarität" auf (587), die auch in der Diskussion über Melancholie des Widerstands zur Sprache kam. So wird bereits auf den ersten Seiten eine zwar düstere, zuweilen lethargische Stimmung beschrieben: "die Zukunft war hinterhältig, die Vergangenheit von der Erinnerung abgeschnitten, das Funktionieren des täglichen Lebens unberechenbar geworden bis hin zur Resignation" (9f.); jedoch ist ebenso die Rede von einer "grotesken Stimmung alberner Gutgelauntheit" (15), einer "heitere[n] Stumpfheit" und "erzwungene[n] Apathie" (14). Diese hier beschriebenen Zustände sind keineswegs positiv zu lesen, auch wenn es in der Rezeptionsgeschichte des Begriffs Melancholie durchaus positive Lesarten gibt (Vgl. Müller). Diese sind jedoch aus meiner Sicht nicht auf den Roman anwendbar. Mir scheint, dass auf diesen ersten Seiten eher die, wie beschrieben, "Vorzeichen einer – wie immer mehr Leute es ausdrückten – 'nahenden Katastrophe'" beschworen werden. Es wird eingeleitet, dass die Menschen sich dieser "nahenden Katastrophe" hinzugeben scheinen, obwohl sie vereinzelt Widerstand zu leisten suchen. Der Widerstand ist latent oder auch direkt vorhanden ist, kommt aber möglicherweise zu spät und ist, zumindest im Roman, darum wirkungslos. Einer der Figuren im Roman erkennt dies und geht genau daran zugrunde: Valuska, ein zugleich naiver wie weitsichtiger Trinker, der nie zu Boden, sondern immer in die Sterne schaut. Eine Stelle im Roman ist mir besonders geblieben:

"Obgleich niemand es ihm zugetraut hätte, war es Valuska nämlich durchaus nicht entgangen, daβ alle in seiner Umgebung von irgendeinem 'Zusammenbruch' redeten, einem Zusammenbruch, den zu verhindern, wie sie betonten, nicht mehr möglich sei. Sie sprachen von einem 'unhemmbar wuchernden Chaos', von einer 'Unberechenbarkeit des Alltagslebens', von einer 'nahenden Katastrophe', ohne daβ sie sich aber, so meinte er, über das Gewicht ihrer erschreckenden Worte eigentlich im klaren wären; denn die epidemischen Ängste würden nicht von der Gewiβheit des unabwendbaren Eintritts eines von Tag zu Tag realer scheinenden Unglücks, sondern von einer zehrenden Phantasie aufgelöst, die letzten Endes tatsächlich zu einem Unglück führen könne – von einem falschen Vorgefühl also, das den seine Rolle verfehlenden Menschen wegen der Lockerung seines inneren Gefüges befalle, wenn er, unaufmerksam von den archaischen Gesetzen seiner Seele abschweifend, auf einmal die Herrschaft über seine ohne Demut arrangierte Welt verliere… Es kränkte ihn durchaus, daβ er seine Freunde über all das nicht hatte aufklären können, weil sie ihm einfach nicht zuhören wollten;" (142f.)

An dieser Stelle liessen sich einige thesenhafte Fragen anknüpfen: Warum versteht der Mensch offensichtlich zu spät, dass Widerstand nötig ist, respektive, dass dieser durch "epidemische Ängste" und "einem falschen Vorgefühl" – folglich durch melancholische Zustände (denn Melancholie ist auch mit Angst und Verzweiflung verknüpft)* – verhindert wird? Wann ist der richtige Zeitpunkt für Widerstand? Und – eine durchaus ernstgemeinte Frage: Weshalb wird weitsichtigen Menschen so wenig Gehör geschenkt? Nun muss man verstehen, dass es nicht den einen Widerstand gibt und dieser auch nicht in jedem Kontext das gleiche bedeutet. Wichtig erscheint mir auch, dass Widerstand nicht gleichzusetzen ist mit Revolution, aber doch in jener münden kann. In Der Wille zum Wissen findet sich eine aufschlussreiche Stelle zur Bandbreite des Widerstands. Michel Foucault schreibt:

"Darum gibt es im Verhältnis zur Macht nicht den einen Ort der Großen Weigerung – die Seele der Revolte, den Brennpunkt der Rebellionen, das reine Gesetz des Revolutionärs. Sondern es gibt einzelne Widerstände: mögliche, notwendige, unwahrscheinliche, spontane, wilde, einsame, abgestimmte, kriecherische, gewalttätige, unversöhnliche, kompromissbereite, interessierte oder opferbereite Widerstände, die nur im strategischen Feld der Machtbeziehungen existieren können. […] Und wie der Staat auf der institutionellen Integration der Machtbeziehungen beruht, so kann die strategische Codierung der Widerstandspunkte zur Revolution führen." (117)

Widerstand, auch das wird im Roman deutlich, hat mit Macht zu tun. "Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Ergo: Widerstand ist überall", wie Daniel Hechler und Axel Philipps in der Einleitung zu Widerstand denken. Michel Foucault und die Grenzen der Macht konstatieren. Darum lohnt es sich das Thema Macht noch einmal genauer anzuschauen. Dies werden wir an unserem Treffen im Juni zum Thema "Keine Macht für Niemand – Visionen einer (besseren?) Zukunft" tun.

Zurück aber zu den weitsichtigen Menschen. Einer dieser ist sicherlich László Krasznahorkai. Er schrieb Melancholie des Widerstands zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der UdSSR; veröffentlicht wurde der Roman 1989. Er zeigt, wenngleich auf groteske und durchaus überspitzte Weise, eine Vision von einem Ungarn unter Viktor Orbán, das über zwanzig Jahre hinweg Realität wurde. Ja, es gab Widerstand in Ungarn, auch vielfältigen. Letztlich haben wir mit den Wahlen vor einigen Wochen erst den Beweis erhalten, dass die Demokratie in Ungarn lebt und Widerstand erfolgreich sein kann. Aber: Europa ist deswegen längst nicht gerettet. In Deutschland erstarkt die AfD, in Italien regiert eine postfaschistische, rechtsextreme Partei, und auch die SVP in der Schweiz verbreitet Hass und Hetze. Nebst dem die andauernden Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und im Sudan; von der Klimakatastrophe ganz zu schweigen.

Was also braucht es (noch), damit mehr Menschen verstehen, dass Widerstand dringlich wird?

Wir haben im Gespräch aufgrund einer Textstelle zu Beginn des Romans viel über "freiwilligen Widerstand" gesprochen. Es herrschte erstaunlicherweise ziemlich schnell ein Konsens darüber, dass Widerstand ja immer freiwillig sei und nicht erzwungen sein könne. Darüber musste ich auch im Nachgang unseres Treffens noch nachdenken. Denn: Stimmt das überhaupt? Oder ist das ein Paradigma, das wir uns geschaffen haben und bis anhin (spätestens mit Beginn des Ukraine-Kriegs fing diese Illusion wohl zu bröckeln an) leisten konnten – in einer Welt, die, zumindest für privilegierte Menschen, friedlich war, oder mindestens den Anschein des Friedens erweckte?

Ein LinkedIn-Beitrag von Uchenna Jonas zum Deutschen Diversity-Tag am 19. Mai hat mich diesbezüglich nachdenklich gemacht. Er schreibt über die sogenannte "Komfortzone" und dass es diese für marginalisierte Gruppen oft gar nicht gibt:

"wenn du als schwuler Schwarzer Mann durch diese Welt gehst, gibt es diese 'Komfortzone' oft gar nicht in der Form, wie andere sie meinen. […] Ich hatte Angst davor, auf der Straße angegriffen zu werden. Ich hatte Angst davor, diskriminiert zu werden. […] Nicht einmal. Nicht gelegentlich. Sondern immer. Irgendwann wird diese Angst normal. Irgendwann wird sie Alltag. […] Und während sich andere fragen, ob sie vielleicht mal aus ihrer Komfortzone treten sollten, versuchen marginalisierte Menschen oft einfach nur, irgendwie sicher durch den Alltag zu kommen. […] Wenn Menschenrechte für marginalisierte Gruppen eingeschränkt werden, dann ist das für mich keine abstrakte Debatte. Es ist eine Warnung. Weil ich weiß, dass Menschen wie ich zu den ersten gehören, die es spüren, wenn Hass wieder politischer wird. Wenn Ausgrenzung normalisiert wird. Wenn Menschlichkeit an Bedingungen geknüpft wird. Und genau deshalb bin ich laut!" (Quelle: LinkedIn Uchenna Jonas)

Widerstand ist folglich nur solange "freiwillig", wie wir (noch) die Möglichkeit haben zu entscheiden. Diese Wahl ist marginalisierten Gruppen oftmals nicht gegeben. Für sie ist Widerstand schlicht ein Überlebensmodus. Folglich muss es als Privileg betrachtet werden, die Wahl zum Widerstand zu haben – und wir sollten alle noch viel mehr darüber nachdenken und dementsprechend handeln. Dabei muss Widerstand vielleicht gar nicht laut sein. Vielleicht fängt es damit an, eine Grenze zu ziehen, stehen zu bleiben und Haltung zu bewahren. Es fängt damit an, dass Frau Pflaum, die sich sonst im Schutz der 1. Klasse befand, in einer ihr ungewohnten Umgebung aufrecht bleibt, Haltung bewahrt und eben nicht zusammenbricht, nachdem sie von dem "Stoppeligen" bedrängt und belästigt wird.

Diese Haltung erfordert Mut und vielleicht noch etwas viel Wichtigeres: Hoffnung. Ich möchte zum Schluss eine Ermutigung teilen, die ich einige Tage vor unserem letzten Treffen im Deutschlandfunk Kultur gehört habe. Sie stammt von Jean-Pierre Wils aus dem politischen Feuilleton vom 12. Mai 2026:

"Wer sich die Hoffnung nicht länger zutraut oder sich sie sogar untersagt, gibt im gleichen Moment auch die Zukunft auf. Eine geschrumpfte Zukunft und eine magersüchtige Hoffnung reichten sich dann die kalten Hände. Wer jedoch hofft, mutet sich zu, der Gegenwart zu widersprechen, ihr das Bild einer anderen und besseren Zukunft entgegenzuhalten. […] Sie [die Hoffnung] ist vor allem ein Tun. Hoffnung will gemacht werden."

Wir werden sicher im Juni erneut darauf zu sprechen kommen. Freut euch auf ein bisschen anarchistische Musik und Impulse aus der Popkultur.

In hoffnungsvollen und zuversichtlichen Gedanken
Eure Anne

Text: © Anne Bendel, Nachbesprechung Das Literarische Café vom 17. Mai 2026
Image: Jan Kronies, unsplash

Anmerkung:
*An dieser Stelle liesse sich anführen, dass Verzweiflung eng mit Melancholie verknüpft ist. Dies lässt sich an der Faust-Figur in der Historia von D. Johann Fausten besonders gut aufzeigen. Wen dies interessiert, empfehle ich den Aufsatz Der Verfluchte und der Erwählte. Vom Leben mit der Schuld von Friedrich Ohly. Hier wird deutlich, dass das Motiv der Verzweiflung eine theologische Komponente hat, in dem Sinne, dass Verzweiflung die einzige Sünde ist, die nicht vergeben werden kann: "Die mit Christi Erlösung zugesagte Gnade für sich ausschlagen aus Verzweiflung ist die Sünde wider den heiligen Geist, die einzige Sünde, die Gott nicht vergibt. [...] Eine der Sünden wider den heiligen Geist ist die theologische Verzweiflung." (Ohly 182). Vor diesem Hintergrund könnte eine These lauten: Verzweifelte Menschen sind leichter manipulierbar und vom Teufel verführbar. Dies zu diskutieren ist allerdings für eine Nachbesprechung zu umfangreich und soll daher lediglich als Anmerkung thesenhaft bleiben.

Quellen & Literatur:
László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Frankfurt a. Main: Fischer, 3. Auflage, 2025 (1989).

Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum Wissen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, S. 117.

Daniel Hechler, Axel Philipps (Hg.): Widerstand denken. Michel Foucault und die Grenzen der Macht. Bielefeld: transcript Verlag, 2008.

Maria E. Müller: Der andere Faust. Melancholie und Individualität in der Historia von D. Johann Fausten, in: DVJs 60, 1986, S. 572-606.

Hubert Tellenbach: Melancholie: Problemgeschichte, Endogenität, Typologie, Pathogenese, Klinik. 4. erweiterte Auflage mit einem Exkurs in die manisch-melancholische Region. 1983.

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