„Können wir es uns noch leisten pazifistisch zu sein?“

Pazifist*in sein – das ist in diesen Zeiten eine Herausforderung. Nicht nur das. Es stellt sich zudem die Frage, ob Pazifismus überhaupt noch zeitgemäss ist; ob wir uns diese Haltung angesichts der Bedrohungslage und des anhaltenden Kriegs, nicht nur in Europa, überhaupt noch leisten können.
Dieser Frage sind wir am Sonntag, 28. September, im Literaturcafé nachgegangen. Gelesen haben wir aus dem Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud – zwei überzeugte Pazifisten.
Albert Einstein, der sich selbst als "militanter Pazifist" bezeichnete, äussert sich im Februar 1931 in einem Interview:
"Ich will für den Frieden kämpfen. Nichts wird Kriege abschaffen, wenn nicht Menschen selbst den Kriegsdienst verweigern. Um große Ideale wird zunächst von einer aggressiven Minderheit gekämpft. Ist es nicht besser, für eine Sache zu sterben, an die man glaubt, wie an den Frieden, als für eine Sache zu leiden, an die man nicht glaubt, wie an den Krieg? […] Die Massen sind niemals kriegslüstern, solange sie nicht durch Propaganda vergiftet werden. Wir müssen sie gegen Propaganda immunisieren. […] Es wird nicht möglich sein, die kriegerischen Instinkte in einer einzigen Generation auszurotten. Es wäre nicht einmal wünschenswert, sie gänzlich auszurotten. Die Menschen müssen weiterhin kämpfen, aber nur, wofür zu kämpfen lohnt: […] Unsere Waffen seien Waffen des Geistes, nicht Panzer und Geschosse." (Einstein 9f.)
Einstein selbst hatte 1939, aus Angst vor einer Bedrohung durch Nazi-Deutschland, den damaligen amerikanischen Präsidenten Roosevelt auf die Möglichkeit des Baus einer Atombombe aufmerksam gemacht. Die Atombombe, das wissen wir, wurde gebaut und eingesetzt – auch davor hatte Einstein gewarnt. Unklar ist, ob der Bau der Atombombe auch ohne Einsteins Zutun gebaut worden wäre. Seine Rolle dabei hat den "militanten Pazifisten" jedoch sein Leben lang beschäftigt.
Ob diese Haltung überhaupt militant pazifistisch ist? Darüber liesse sich streiten. Heute, 80 Jahre nach Kriegsende und 80 Jahre nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki, bedarf es einer (erneuten) Auseinandersetzung über die Frage, ob Pazifismus, zumindest in seiner militanten Ausprägung, noch als zeitgemäss gelten kann. Oder wäre im Gegenteil gerade dieser eine radikale Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit? Spezifizierungen und Feinheiten des Begriffs, respektive ein Blick in die Geschichte des Pazifismus, erweist sich an dieser Stelle insofern als fruchtbar, als dass wir uns so möglicherweise von einer zu naiven Vorstellung von Pazifismus lösen können.
Pazifismus bedeutet im Allgemeinen die Ablehnung jeglicher Form von Gewalt. Der Vertreter des radikalen Pazifismus (wohl auch unter dem Begriff "militant" fassbar) ist Mahatma Ghandi, der sogar der Ansicht war, die Juden "hätten sich selber von den Klippen in das Meer stürzen [und damit] kollektiven Selbstmord begehen sollen". (Louis Fischer) Im Gegensatz dazu lässt relativer (oder auch konditionaler) Pazifismus militärische Gewalt zu Verteidigungszwecken zu. Politischer Pazifismus setzt auf Präventionsmassnahmen und die Sicherung eines stabilen Friedens. Letzterer geht auf Immanuel Kant und seine Schrift Zum ewigen Frieden (1795) zurück und findet eine Kulmination zur Zeit des Wiener Kongress (1814/15) sowie weiteren in den Haager Friedenskonferenzen (1899/1907) und der Einführung des humanitären Völkerrechts, das den Ausgangspunkt in den Genfer Konventionen (seit 1864) hat.
Angesichts zweier Weltkriege sowie einer erneuten Bedrohungslage 80 Jahre nach Kriegsende konnte man Mitte des 20. Jahrhunderts und kann man auch heute wieder fragen: Ist der Pazifismus gescheitert? Diese Frage musste damals und muss heute heute entschieden verneint werden. Das zeigten Friedensbewegungen in den 1960er Jahren sowie die Bestrebungen für atomare Abrüstung, die Ende der 1960er zum Atomwaffensperrvertrag und 2017 zur Verabschiedung des Kernwaffenverbotsvertrags (TPNW) führten – letzterer seit 2021 in Kraft. Heute zeigen die zunehmenden Proteste gegen den Gaza-Krieg und die genozidalen Dimensionen dessen, dass der (m.E. friedliche) Widerstand nicht ad acta gelegt wurde. Letzteres bedürfte einer kritischen Auseinandersetzung, auch angesichts der z.T. antisemitischen Ausprägungen auf Pro-Palästina-Demonstrationen. Diese müssen benannt werden – immer vor dem Hintergrund der Gleichzeitigkeit. Gleichzeitigkeit von Polizeigewalt gegenüber Demonstrierenden. Gleichzeitigkeit der Notwendigkeit einer uneingeschränkten Solidarität mit den Opfern des 7. Oktober 2023 und der Forderung nach Freilassung der noch immer in der Gewalt der Hamas befindenden Geiseln. Gleichzeitigkeit der Benennung der unmenschlichen Behandlung der Palästinenser*innen durch Israel. Gleichzeitigkeit der Existenz anderer Kriege und Konflikte wie jenen im Sudan und Myanmar, der weiterhin bestehenden Konflikte in der Türkei und Syrien sowie zwischen China und Tibet. Gleichzeitigkeit so vieler anderer Konflikte. Zusammengefasst: Die Welt brennt.
Allein dies zeigt, dass wir uns gewiss nicht zurücklehnen können. Dennoch scheint es mir virulent Friedensbemühungen nicht für gescheitert zu erklären. Andererseits, und auch das ist eine Wahrheit, müssen wir uns fragen, in welcher Zeit unser Pazifismus manifest werden konnte? Mit unser meine ich jenen Pazifismus, der sich im Westen, z.T. in der Nachkriegsgeneration, v.a. aber in der Generation nach dem Ende des Kalten Krieges etablieren konnte? Gewiss bedürfte auch dies einiger Spezifikationen und Feinheiten. Die sicherlich etwas zu allgemein gefasste Aussage soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Wahrnehmung gegenüber Frieden spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine im Februar 2022 verändert (hat). Eine Aussage, die diese veränderte Haltung widerspiegelt und die mir aus der Runde am Sonntag geblieben ist, ist diese: Frieden scheint kein eigener Zustand, sondern vielmehr die Absenz von Krieg. Die Angst vor genau diesem, vor einer Ausweitung in Europa, ist gewiss berechtigt. Dennoch: Kann die einzige Antwort darauf militärische Aufrüstung sein? Auch diese Frage haben wir diskutiert. Dabei kamen verschiedene Aspekte zu Tage. Zum einen die Frage, weshalb ausschliesslich auf militärischer Ebene aufgerüstet wird, wo doch Krieg heute, auch aufgrund technologischer Entwicklungen, nicht mehr ausschliesslich auf dieser stattfindet. Daneben die Frage, die auch Sigmund Freud in einer Antwort auf einen Brief Einsteins beschäftigt:
"Warum empören wir uns so sehr gegen den Krieg […]. Er scheint doch naturgemäß, biologisch wohl begründet, praktisch kaum vermeidbar. […] Die Antwort wird lauten, weil jeder Mensch ein Recht auf sein eigenes Leben hat, weil der Krieg hoffnungsvolle Menschenleben vernichtet, den einzelnen Menschen in Lagen bringt, die ihn entwürdigen, ihn zwingt andere zu morden, was er nicht will, kostbare materielle Werte, Ergebnis von Menschenarbeit, zerstört […] ich glaube, der Hauptgrund, weshalb wir uns gegen den Krieg empören, ist, dass wir nicht anders können. Wir sind Pazifisten […]." (Freud 45f.)
Die Antwort auf die im Gespräch verlautete Abstraktheit des Krieges ist genau diese: Er betrifft Menschen und gleichzeitig den gesamten Planeten – angesichts geplanter Aufrüstungsvorstellungen im All m.E. wohl nicht allein den von uns bewohnten. Weltraummilitarisierung ist zwar laut Weltraumvertrag von 1967, der Teil des Völkerrechts ist, nicht verboten – Kernwaffen im Weltraum zu stationieren, wie von Russland geplant, jedoch schon. Insofern würde hier vorhandenes Recht gebrochen. In der Tat besteht ein Zusammenhang zwischen Recht und Gewalt. Sigmund Freud beschreibt dies in seiner Antwort an Einstein sehr anschaulich:
"Es führte ein Weg von der Gewalt zum Recht, aber welcher? Nur ein einziger, meine ich. Er führte über die Tatsache, dass die größere Stärke des einen wettgemacht werden konnte durch die Vereinigung mehrerer Schwachen. […] Gewalt wird gebrochen durch Einigung, die Macht dieser Geeinigten stellt nun das Recht dar im Gegensatz zur Gewalt des Einzelnen. Es ist noch immer Gewalt, bereit sich gegen jeden Einzelnen zu wenden, der sich ihr widersetzt, […] der Unterschied liegt wirklich nur darin, dass es nicht mehr die Gewalt eines Einzelnen ist, die sich durchsetzt, sondern die der Gemeinschaft." (Freud 28f.)
Wichtig erscheint mir zudem Freuds Feststellung, dass "auch innerhalb eines Gemeinwesens […] die gewaltsame Erledigung von Interessenkonflikten nicht [vermeidbar ist]", jedoch nimmt "die Wahrscheinlichkeit friedlicher Lösungen unter diesen Bedingungen […] zu." (Freud 32)
Better together – so lautet auch Annalena Baerbocks Mantra als derzeitige Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Gesichert ist ein Frieden deswegen nicht, aber er wird wahrscheinlicher. Ein bisschen weniger utopisch ausgedrückt: Die Hoffnung auf Frieden bleibt. Dies kann aber auch nur dann gelingen, wenn wir uns tagtäglich für genau diese entscheiden. Hoffnung aber ohne konkrete Taten wäre leer. Darum schliesse ich mit einem Zitat von Eleanor Roosevelt, das genau diesen Kern trifft: "It isn't enough to talk about peace. One must believe in it. And it isn't enough to believe in it. One must work at it." Das muss unsere Haltung sein. Jeden Tag. Immer.
Hierbei geht es auch um Privilegien – ein Thema, über das wir bereits im Mai gesprochen haben, dies aber sicherlich nicht erschöpfend. So wird es (zumindest indirekt) auch bei den kommenden beiden Treffen um Privilegien gehen. Im Oktober (19.10.) sprechen wir über weibliches Flanieren bei Irmgard Keun, damit auch über Geld, Scham und das Leben in der Grossstadt. Im November (16.11.) bekomme ich wieder einmal Unterstützung. Zusammen mit der Journalistin und Politikwissenschaftlerin Caroline Dahl wollen wir über das Thema "Information als Menschenrecht" sprechen. Ich freue mich sehr und danke allen, die immer so rege mitdiskutieren!
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Text: © Anne Bendel, Nachbesprechung Das Literarische Café vom 28. September 2025
Image: Zaur Ibrahimov, unsplash
Literatur:
Albert Einstein Sigmund Freud Warum Krieg? Ein Briefwechsel mit einem Essay von Isaac Asimov. Zürich: Diogenes, 2024.
weitere Quellen:
Matthias Bertsch: Kriege und Konflikte
Radikaler Pazifismus ist keine Antwort, Dlf Archiv, 03.04.2017, online unter https://www.deutschlandfunk.de/kriege-und-konflikte-radikaler-pazifismus-ist-keine-antwort-100.html, zuletzt abgerufen am 30.09.2025.
Pazifismus. Was bringt das Streben nach Frieden?, Dlf, 26.09.2025, online unter https://www.deutschlandfunk.de/frieden-pazifismus-friedensbewegung-geschichte-wirkung-100.htm, zuletzt abgerufen am 30.09.2025.
Rutte warnt vor russischen Atomwaffen im All, Tagesschau, 12.04.2025, online unter https://www.tagesschau.de/ausland/europa/nato-rutte-warnung-atomwaffen-100.html, zuletzt abgerufen am 01.10.2025.
Der Weltraumvertrag und andere Vereinbarungen, bpb, online unter https://sicherheitspolitik.bpb.de/de/m7/articles/m7-14, zuletzt abgerufen am 01.10.2025.
Konfliktporträts, bpb, online unter https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/54568/konfliktportraets/, zuletzt abgerufen am 01.10.2025.
Uphold founding principles and ‘be better together’: General Assembly President, UN News, 23.09.2025, online unter https://news.un.org/en/story/2025/09/1165919, zuletzt abgerufen am 01.10.2025.
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