„Die Wut, die bleibt“
Oder: Wie wir das Patriarchat verlernen

Mittlerweile 18 vollendete Feminizide gab es in der Schweiz in diesem Jahr bereits. Seit dem feministischen Streik am 14. Juni sind weitere 3 Frauen ermordet worden. 18 Frauen, die ermordet wurden, einfach weil sie Frauen sind. 7 Frauen, darunter ein 14-jähriges Mädchen, überlebten einen solchen Angriff – allein in der Schweiz (Quelle: Stopfemizid.ch, Stand: 18. Juni 2025).
Das Patriarchat, dass Feminizide überhaupt erst ermöglicht, beginnt jedoch nicht bei Mord. Es beginnt viel früher. Bei offenkundiger Unterdrückung und Ausbeutung, der Unterbezahlung von Frauen – in der Schweiz verdienen Frauen noch immer durchschnittlich 16.2% weniger (Quelle: EBG, Stand: 2023), oder noch viel subtiler: Bei sexistischen Witzen, dem Weglächeln von Situationen, die weder witzig noch harmlos sind, dem Wegschauen und Schweigen, der Scham, die noch immer viel zu oft auf der Seite von Frauen steht und dringend die Seite wechseln muss, der Erschöpfung von Müttern, die zwar sichtbarer wird, aber häufig noch immer schambehaftet ist.
In dem Roman "Die Wut, die bleibt" von Mareike Fallwickl überlebt eine Mutter genau diese Last nicht. Sie steigt aus, aus einem System, dass keinen Platz lässt – "nicht einmal für den nächsten Atemzug." (9)
Eingestimmt durch "Angry Women", ein aktueller Song der Künstlerin Yaenniver, haben wir am 15. Juni, einen Tag nach dem feministischen Streik, über Wut gesprochen, besser gesagt über die kollektive Wut von Frauen, die in dem Roman "Die Wut, die bleibt" bestärkend klar zum Ausdruck kommt.
Zum einen ist da die Wut von Lola über den Verlust der Mutter:
"Der nussgroße Zorn unter ihrem linken Rippenbogen jault. Am Vormittag hat sie ihn kaum bemerkt, ein diffuser Dauerschmerz, den eine irgendwann kaum noch beachtet. Als sie sich vorstellt, nach Hause zu kommen in diese beengte Wohnung, bestürmt von ihren Brüdern, als sie sich vorstellt, dass Mama nicht in der Küche sein wird und im Bad auch nicht, dass sie nicht gekocht haben wird und nicht fragen wird, wie es in der Schule war, jagt der Zorn so hart durch Lolas Adern, dass sie fast kotzen muss." (37)
Zum anderen die Wut über das System, welches, wie Lola einsehen muss, auch ihre Mutter das Leben kostete: "Meine Mutter hat sich umgebracht […] und ich glaube, sie ist nicht am Muttersein gescheitert, sondern am System." (259)
Lola ist vierzehn als ihre Mutter stirbt. Allmählich wächst sie zu einer jungen Frau heran, die mit ihrer besten Freundin Sunny nach einem Übergriff einen Selbstverteidigungskurs anfängt. Was harmlos beginnt, entpuppt sich als Rachefeldzug von vier jungen Frauen, die sich dem System mit Gewalt widersetzen. Nachdem sie zu viert den Ex-Freund von Femme, die von diesem missbraucht worden war, verprügeln und sich einige Zeit später bei Alva treffen, fragt Femme: "Und wer kommt als Nächstes?" (259)
"Sie können nicht so tun, als hätten sie die Frage nicht verstanden. Sie können nicht verwundert murmeln: was meinst du, denn über diesen Punkt sind sie weit hinaus. "Einer, der es verdient hat", sprudelt Sunny, und Lola merkt, wie weich und lallend sie schon spricht. Alva lacht. "Der dürfte nicht schwer zu finden sein", antwortet sie. […] "Sie vergewaltigen uns", sagt Femme, "sie reißen uns auf und stopfen sich in uns hinein." [...] "Sie verprügeln uns, und niemand hilft", sagt Sunny, und Lola weiß, dass das die Geschichte über ihren Vater ist, die in Sunnys Knochen schlummert, "sie schlagen zu, weil ihnen das Essen nicht schmeckt oder kein Bier mehr da ist, sie schreien, spucken, sie treten und lachen dabei." […] "Sie sperren uns in Keller und tun uns weh, und es ist ihnen egal, wie alt wir sind, […]" "Sie führen Krieg gegen uns", sagt Femme, sagt es wie ein klares, belegtes Statement. "Aber ist es Krieg, wenn die andere Seite nie zurückschlägt", fragt Lola und schiebt das Glas von sich. "Wenn es keine Gegenwehr gibt, nur Angriffe, Attacken, Mord und Missbrauch, keine Schlachten, nur ein Abschlachten?" Die Playlist ist zu Ende, niemand sagt etwas. […] "So wie jetzt gerade in Afghanistan", sagt Alva. […] Sie haben die Nachrichten der letzten Tage verfolgt, ständig Twitter aktualisiert, beim Anblick der Videos vom Flughafen in Kabul stockend geschwiegen vor Entsetzen. "Dann lass uns anfangen", Sunny schlägt gegen die Kühlschranktür wie auf eine Trommel […] "Wir sind dazu in der Lage", auch Femme hat ihren Stuhl zurückgeschoben, "andere sind es nicht." […] "Und diese anderen brauchen uns", sagt Lola, sie schauen sich an. Es bedarf keiner Berührung, keines Siegels, ihr Beschluss hat Gültigkeit. Und Lola fragt sich, ob eine Revolution so beginnen kann: betrunken, in einer Küche, nachts, mit vier Einzelnen, von denen eine allein zu schwach wäre. […] Es ist still, sie schlafen ein, sie haben einen gemeinsamen Frieden, oder vielleicht ist es die Ruhe vor dem Sturm. Denn da ist ein Ziehen und ein feines, glühendes Simmern. Das ist die Wut, die bleibt." (259ff.)
Was aber ist Wut? Wo sitzt sie? Ist diese Wut, die in Lola und ihren Freundinnen schlummert rein destruktiv oder lässt sich trotz der Gewalt und des Rachegedankens ein konstruktiver Wert darin erkennen?
Im Gespräch konnten wir feststellen, dass sich Wut, die hier beschrieben wird, gerade darin auszeichnet, dass sie eine klare Ursache hat und diese auch benannt wird – nämlich die Gewalt an Frauen. Diese Wut ist keineswegs ein cholerisches Um-Sich-Schlagen, kein plötzlicher Wutausbruch, sondern entschlossen und kraftvoll. Keineswegs soll damit der destruktive Charakter verschleiert werden, der hieraus entsteht, da die vier jungen Frauen ihren Rachefeldzug auch tatsächlich ausführen. Vielmehr wird hier ein wichtiges Charakteristikum der Wut sichtbar, welche die Körperforscherin Ilan Stephani in einem Interview beschreibt. Wut sitzt laut Stephani nicht im Bauch, sondern in der Kehle und zeigt sich im Ausdruck, im Handeln, in der Kraft gen aussen. Der diffuse Schmerz, der bei Lola zu Beginn immer wieder auftritt, dieser "Cocktail aus Ohnmacht, Scham und all diesen Gefühlen", wie im Gespräch angemerkt wurde, ist die unterdrückte Wut, die Wut, die nicht nach oben kann, nicht dorthin, wo sie ihren Ausdruck findet. Das aber wäre laut Stephani der gesündeste Modus. Derjenige, in dem die Wut Platz hat, Raum einnehmen und zum Ausdruck kommen darf – in einem wachen, präsenten, lebendigen Zustand.
Mir scheint, dass Lola und ihre Freundinnen keineswegs abgeschnitten sind von diesem Zustand, sondern genau diesem Raum geben. Die Entscheidung weiter zu gehen, tatsächlich Gewalt anzuwenden, ist, wie auch im Gespräch deutlich wurde, der Schritt, der zu weit ging. Die energetische Kraft aber, die Wutkraft, wie Stephani es nennt, und die Liebe und Solidarität, die daraus unter den jungen Frauen entsteht, ist überbordend und einnehmend. Aus meiner Sicht ist genau das die Selbstliebe, die, wie Stephani beschreibt, aus der Wut entstehen kann, wenn sie denn in einem wachen Zustand zum Ausdruck kommt. Das ist bei den Freundinnen durchaus der Fall. Sie sind entschlossen und wissen genau was sie tun.
Man muss diesen Ausdruck der Wut nicht gutheissen und wir waren uns auch einig, dass dieser Weg eine destruktive Komponente hat.
Es stellt sich jedoch die Frage, welchen vermeintlich konstruktiveren Umgang mit der durchaus berechtigten Wut es geben kann, wenn das System Frauen regelmässig im Stich lässt? Wie wehren wir uns gegen ein System, dass Sexualstraftäter und Mörder vorzeitig aus der Haft entlässt oder gar nicht erst verurteilt? Wie wehren wir uns gegen ein System, dass Frauenkörper fetischisiert, sexualisiert und ausbeutet? Wie wehren wir uns gegen ein System, in dem es noch immer viel zu viele Tabus gibt – über Fehlgeburten, Menstruation, Menopause, den weiblichen Körper, …?
Diese Fragen können und sollen hier nicht beantwortet werden. Vielmehr sehe ich die Notwendigkeit einer Sensibilisierung für genau solche Fragen – auch und gerade bei Männern. Wenngleich es zu diesem Aspekt Widerstand gab: Unterdrückung hat System und es ist ein System, dass insbesondere FLINTA (um von den binären Begriffen einmal abzukommen), genauso aber auch Männer betrifft und ihnen schadet. Es kann dabei nicht allein in der individuellen Verantwortung liegen patriarchale Strukturen zu durchbrechen, denn es ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. Die individuelle Verantwortung liegt im Umgang mit diesem System und, weil wir bei der Wut sind, dem Umgang mit der eigenen Wutkraft. Aus Selbstschutz und aus Selbstliebe. Hierzu empfehle ich das bereits erwähnte Interview mit Ilan Stephani anzuhören, die einen durchaus heilsamen Blick auf die Wut hat.

"Was tun wir Männer eigentlich hier?"
Ein Aspekt der in der Runde aufkam und den ich nicht unkommentiert lassen möchte, ist die Rolle der Männer in diesem System. Wenngleich (hoffentlich viele) Männer bereits verstehen, dass sie Teil dieses Systems und damit Teil des Problems sind, scheint eine kollektive Unsicherheit darüber zu herrschen, welche Rolle sie bei der Lösung spielen können. Da war die Anmerkung, ob "wir Männer" möglicherweise einen Beweis erbringen müssen, dass es auch noch "gute Männer" gibt. Daneben eine Unsicherheit darüber möglicherweise falsch verstanden zu werden. Diese Unsicherheiten sind verständlich, dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dadurch, wenn auch unbewusst, die Verantwortung an das Gegenüber (in dem Fall an Frauen) abgegeben wird. Auch darin zeigen sich subtile Mechanismen des Patriarchats, das ja – auch Männern schadet. Auch diese Tatsache darf dabei nicht dazu führen, dass erst wenn Männer verstehen, dass auch sie selbst betroffen sind, sie anfangen solidarisch zu sein und beginnen patriarchale Strukturen in ihren Grundfesten zu erschüttern und zu bekämpfen. Wir müssen nicht ständig betonen, dass auch Männer betroffen sind, damit wir endlich gehört werden.
Die kollektive Wut von Frauen besteht eben auch darin, nicht mehr alles erklären zu wollen. Nicht mehr erklären zu wollen, warum wir wütend sind, nicht mehr erklären zu wollen, warum sexualisierte Gewalt eben nicht bei Vergewaltigung, sondern bei einem flachen Witz anfängt. So vieles nicht mehr erklären zu wollen – all das, was dringend ausgesprochen werden müsste und doch noch irgendwo schlummert – weil die Wut doch noch nicht ganz in der Kehle angekommen ist, um zum Ausdruck zu kommen. Auch bei uns nicht, obgleich am Sonntag bereits vieles an-, be- und auch widersprochen wurde. Vieles aber blieb sicherlich auch (noch) unausgesprochen.
Da war ein Wille zum Verständnis, auch der Wille sich mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen, zuzuhören und einander zu verstehen – auch wenn dies aufgrund der zum Teil diametralen Realitäten nicht immer ganz leicht war und ist. Spürbar war auch, dass wir zum Teil noch immer in alten Mustern verharren, Rollenbilder auf Evolution und Biologismen zurückgeführt werden und die Tendenz besteht, Veränderung auf das Individuum abzuwälzen. Wir müssen aber von systematischer und struktureller Unterdrückung sprechen. Ansonsten verharren wir im Einzelfallmodus und es wird sich strukturell nicht viel ändern. Richtig ist aber auch, dass Veränderung bei uns anfängt - auch, in dem wir nicht mehr schweigen. Unsere Fähigkeit zu Empathie spielt ebenfalls eine zentrale Rolle.
Als kleine Anmerkung und aus aktuellem Anlass: Auch wenn ich dieses Sachbuch noch nicht kenne - "Die Frau als Mensch" (2025) von Ulli Lust, die am 17. Juni 2025 mit dem Deutschen Sachbuchpreis geehrt wurde, scheint anschlussfähig an unsere Diskussion. Ulli Lust sagt: "Ohne Empathie hätten wir als Art nicht überlebt". Mir scheint dies schon ein Anreiz diesen Sachbuch-Comic bald zu lesen.
Zusammenfassend stelle ich fest: Einerseits besteht die dringende Notwendigkeit in einem offenen und ehrlichen Dialog zu bleiben, andererseits die jeweilige Verantwortung zu tragen und auch auszuhalten. Deshalb gehen wir als Individuum auf die Strasse, um kollektiv das System des Patriarchats zu stürzen. Deshalb vereinen wir uns. Weil es nicht alleine geht. Sondern nur gemeinsam, solidarisch und mit Wutkraft.
Es gäbe noch so viel zu sagen und auch das war am Sonntag spürbar: Das Bedürfnis und die Dringlichkeit zu einem Austausch. Darum möchte ich mit einem Gedanken schliessen, der zum aktiven Handeln anregen soll: Wir müssen das Patriarchat aktiv verlernen.
Kübra Gümüsay schreibt hierzu in dem Beitrag "unlearn sprache" in "Unlearn Patriarchy":
"Das Patriarchat zu verlernen, Klasse zu verlernen, Rassismus zu verlernen, bedeutet nicht, deren Existenz zu leugnen. Es meint nicht, deren Gewalt zu ignorieren. Es beinhaltet nicht, deren Systematik und strukturelle Natur zu negieren. Verlernen bedeutet, den Missstand ganz genau zu studieren und es genau deshalb anders zu machen. Nicht weil es so einfach wäre, sondern obwohl es so schwierig ist. Nicht weil alles ginge, wenn man nur wollte, sondern obwohl gewollt ist, dass es nicht geht. Wer antritt, die Missstände unserer Gesellschaft zu bekämpfen, muss in zwei Welten leben. In der Welt, wie sie ist, und in der Welt, wie sie sein könnte, einer Utopie. Die Missstände der einen Welt genau zu studieren, um sie für die andere Welt aktiv zu verlernen. Um dann eine neue Welt zu erproben. Neues Wissen zu erwerben. Durch Fehler, durch Stolpern und Scheitern, durch Probieren und Erkennen." (22f.)
Ich wünsche mir eine Welt, in der wir Menschen uns dieser gemeinsamen Aufgaben annehmen.
Danke an alle, die diese Diskussionsrunden und die Zeit der Kontemplation währenddessen und danach immer wieder möglich machen. Das.Literarische.Café geht nun, hoffentlich kraftvoll und genährt, in die Sommerpause, bevor es im September mit dem Thema "Ist Pazifismus (noch) möglich oder muss man es sich leisten können Pazifist*in zu sein?" weitergeht. Anmeldungen sind bereits herzlich willkommen.
Alle Termine und Infos wie immer hier.
Einen kraftvollen, wachen und wunderbaren Sommer wünsche ich euch!
Eure Anne
Text: © Anne Bendel, Nachbesprechung Das Literarische Café vom 15. Juni 2025
Literatur:
Mareik Fallwickl: Die Wut, die bleibt. Hamburg: Rowohlt, 11. Auflauge, 2025. (Erstausgabe 2022)
Welt im Wandel. Interview mit Ilan Stephani: "Wie du Wut in positive Energie verwandelst", 01.02.2022. Online unter https://www.youtube.com/watch?v=3EdPUvlsGB0, zuletzt abgerufen am 18.06.2025.
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