„Vom Wert der Arbeit“

"Lebst du, um zu arbeiten oder arbeitest du, um zu leben?"  Eine altbekannte Fragestellung, die jedoch immer wieder für Diskussionen sorgt. So auch beim vergangenen literarischen Café am 19. April. 

Bevor wir uns dem Wert der Arbeit in Anlehnung an Hannah Arendts Vita Activa näherten, haben wir zunächst in stiller Kontemplation genau über diese Frage nachgedacht. Dieses Nachdenken brachte weitere Fragestellungen mit sich, was dieser philosophischen Gesprächsrunde ohnehin inhärent ist. So wurde gefragt, was Arbeit überhaupt ist, ob der Mensch ohne Geld verdienen/arbeiten zu müssen, leben könne, ob es eine Grenze zwischen Arbeit und Tätigkeit gibt und welches Gefühl mit der Arbeit verbunden ist.

Einige der Antworten liessen verlauten, dass Arbeit sinnstiftend sein sollte. Arbeiten, um zu helfen, zu wirken, zu forschen und um zu sein. Leben ist arbeiten und arbeiten ist Leben – auch dies war Teil einer Antwort. Daneben die Vorstellung, dass arbeiten ohne etwas zu gestalten, nicht möglich sei. Auch interessant war die Antwort, dass ein Leben ohne Arbeit zwar vorstellbar sei, jedoch aufgrund einer bescheidenen Lebensweise einer Tätigkeit nachgegangen werden könne, die die eigenen Interessen widerspiegelten. Diese Antwort ist sicherlich individuell und muss nicht zwangsweise mit einem Verzicht einhergehen, jedoch scheinen die meisten in dieser Runde einig darüber, dass Arbeit sinnvoll, oder zumindest den eigenen Interessen entsprechen sollte.

In Vita Activa oder Vom tägigen Leben schreibt Hannah Arendt: "Die Grundbedingung, unter der die Tätigkeit des Arbeitens steht, ist das Leben selbst." (16) Man könnte also sagen: Weil ich lebe, arbeite ich. Die Vita Activa meint jedoch mehr als nur das Arbeiten. Arbeiten, Herstellen und Handeln sind die "drei menschliche Grundtätigkeiten", die die Vita Activa umfasst. "Grundtätigkeiten, weil jede von ihnen einer der Grundbedingungen entspricht, unter denen dem Geschlecht der Menschen das Leben auf der Erde gegeben ist." (ebd.) Mit anderen Worten: Arendt beschreibt hier die Bedingungen und Möglichkeiten der menschlichen Existenz, zu der das Arbeiten zählt:

"die Arbeit [sichert] das Am-Leben-Bleiben des Individuums und das Weiterleben der Gattung; das Herstellen errichtet eine künstliche Welt, die von der Sterblichkeit der sie Bewohnenden in gewissem Maβe unabhängig ist und so ihrem flüchtigen Dasein so etwas wie Bestand und Dauer entgegenhält; das Handeln schlieβlich, soweit es der Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen dient, schafft die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen, für Erinnerung und damit für Geschichte."(18)

Alle drei – Arbeiten, Herstellen und Handeln – sind für unser Leben auf der Erde wirksam. Nun brauchen wir - um arbeiten, herstellen und handeln zu können - auch den Zustand der Ruhe. Die Vita Activa nämlich steht im Modus der Unruhe. Demgegenüber steht die Vita Contemplativa, die Kontemplation also, oder auch Ruhe. Während die Gewichtung dieser beiden – der Vita Activa und der Vita Contemplativa – historisch unterschiedlich war und noch immer ist, sieht Arendt die Vita Activa weder als über- noch als unterlegen zur Vita Contemplativa an. Eine kurze Anmerkung: Die Griechen lebten weitgehend in der Kontemplation und liessen die Arbeit von Sklaven verrichten, während seit der Neuzeit eine Preisung der Arbeit einsetzte bis hin zur Fetischisierung von Arbeit und Konsum.

In der Diskussion wurde zu Beginn ein möglicher Unterschied zwischen Handarbeit, respektive körperlicher Arbeit, und Kopfarbeit oder geistiger Tätigkeit angemerkt. Arendt schreibt hierzu:

"Denken und Herstellen sind zwei voneinander ganz geschiedene Tätigkeiten, die niemals zusammenfallen; um der Welt den «Gehalt» seiner Gedanken mitzuteilen, muβ der Denkende vor allem aufhören zu denken und anfangen, sich des bereits Gedachten zu erinnern. […] Sofern also der geistige «Arbeiter» überhaupt ein Produkt zustande bringt, sofern sich seine Tätigkeit nicht im reinen Denken erschöpft, verdankt er diese Produktivität dem Werk seiner Hände und nicht der «Arbeit» seines Kopfes. Er ist ein Herstellender wie andere Herstellende auch." (108)

Auch der geistige Arbeiter ist in Arendts Augen also ein Hersteller. Zudem zeigt diese Passage die Verflechtung von Arbeiten, Herstellen und Handeln exemplarisch auf und obgleich wir uns in der Diskussion auf die Tätigkeit der Arbeit konzentriert haben, lohnt es sich alle drei Grundtätigkeiten zusammenzudenken.

Zurück aber zur Preisung der Arbeit seit der Neuzeit. Arendt schreibt:

"Der plötzliche glänzende Aufstieg der Arbeit von der untersten und verachtetsten Stufe zum Rang der höchstgeschätzten aller Tätigkeiten begann theoretisch damit, daβ Locke entdeckte, daβ sie die Quelle des Eigentums sei. Der nächste entscheidende Schritt war getan, als Adam Smith in ihr die Quelle des Reichtums ermittelte; und auf den Höhepunkt kam sie in Marx` «System der Arbeit», wo sie zur Quelle aller Produktivität und zum Ausdruck der Menschlichkeit des Menschen selbst wird." (119f.)

Die Frage, die sich (mir) hier stellt: Können, respektive wollen, wir ohne Arbeit leben? Diese Frage hängt wohl auch davon ab, welcher Tätigkeit wir nachgehen und welchen Stellenwert diese in der Gesellschaft hat. In der Diskussion wurde hier auch von Identifikation mit der Arbeit gesprochen: "Ich bin Journalistin, Architekt, Fotograf, …" anstelle von "Ich arbeite als…". Einig schienen wir uns darüber zu sein, dass unsere Gruppe einen eher akademisch-privilegierten Zugang zum Thema Arbeit hat. Die Mehrzahl der Teilnehmenden scheint es "sich leisten zu können", respektive zu wollen, einer Arbeit nachzugehen, die den eigenen Interessen weitgehend entspricht. An dieser Stelle möchte ich auf eine Antwort auf die oben gestellte Frage eingehen, die ich bereits genannt hatte: Leben ist arbeiten und arbeiten ist Leben. Hiermit war eine Idealvorstellung von einer Verschmelzung von Arbeit und Leben gemeint. Aus meiner Sicht müsste an dieser Stelle diskutiert werden (leider haben wir dies im Gespräch verpasst), unter welchen Voraussetzungen dies geschieht. Gibt es trotz Arbeit noch genügend Erholungsphasen? Was, wenn der Mensch nicht mehr arbeiten kann? Ist mit dieser Idealvorstellung der klassische "Workoholic" oder auch "High Performer" gemeint? Bedeutet es also in der Tat: "ich lebe, um zu arbeiten"? Und: Ist dies nur eine Umschreibung für "privilegiert"?* Denn: Was ist mit Menschen, die schlicht nicht "leistungsfähig" genug sind für diese Welt, in der Arbeit über allem zu stehen scheint?

Sarah Eichler, Head of People and Culture bei Siomo - Das Büro der guten Entwicklung - ein Unternehmen, das sich "New Work" und "future skills" verschrieben hat, selbst Autistin mit ADHS, schreibt auf LinkedIn zu Themen wie Neurodivergenz in der Arbeitswelt, New Work, Feminismus und Finanzen. In einem ihrer letzten Beiträge beleuchtet sie den Begriff "High Performer". Sie schreibt:

"Menschen sind keine Maschinen mit Leistungsstempel. Wer solche Begriffe [High Performer] nutzt, reproduziert eine Verwertungslogik, in der der Wert von Menschen danach bemessen wird, wie reibungslos sie in ein System passen, das nie für alle gebaut wurde. [...] Wer gilt denn heute als "High Performer"? Die Person ohne Care-Verantwortung? Ohne chronische Erkrankung? Ohne Diskriminierungserfahrung? Mit geradem Lebenslauf und voller Verfügbarkeit? Mit Elite-Uniabschluss und den Social Codes? Herzlichen Glückwunsch, du passt ins Raster. Aber ist das wirklich Leistung - oder nur das Fehlen von Barrieren?" (Quelle: LinkedIn)

Man muss nicht allen ihren Argumenten zustimmen. Arbeit gehört zum Leben. Ohne diese Tätigkeit der Vita Activa könnten wir nicht existieren, ebenso wenig ohne Herstellen und Handeln. Auch nicht ohne die Vita Contemplativa. Vielleicht ist der eigentliche Clou eine Balance zu finden zwischen diesen beiden - zwischen der Unruhe und der Ruhe, zwischen Yin und Yang oder mit welchen Konzepten auch immer man es benennen möchte. Aber - und vielleicht ist genau das gelebte Solidarität - sollte es nicht darum gehen, Strukturen zu schaffen, die unterschiedliche Realitäten einbeziehen? Das heisst, eine Balance zwischen Unruhe und Ruhe, die meiner Lebensrealität entspricht, nicht jene der neoliberalen Ordnung?

Denn: Was, wenn ich nicht mehr arbeiten kann oder weniger arbeiten möchte? In der Tat scheint ein Leben ohne Arbeit durchaus möglich und zwar dann, wenn andere für einen arbeiten. Die Idee nicht zu arbeiten, gilt also für das Individuum, nicht aber für eine funktionierende Gesellschaft. Irgendjemand muss arbeiten: "die Arbeit [sichert] das Am-Leben-Bleiben des Individuums und das Weiterleben der Gattung", wie wir bereits bei Arendt gelesen haben; und arbeiten tun viele. Das bedeutet jedoch gleichzeitig nicht, dass sie eine Existenzgrundlage haben und damit über eigenes Geld verfügen. Es bedeutet auch nicht, dass jede Arbeit gleich sichtbar ist. Care-Arbeit beispielsweise wird noch immer zu einem Grossteil nicht oder nur unzureichend entlohnt. Unbezahlte Care-Arbeit fällt zudem nicht in die Definition der Erwerbstätigkeit und bleibt damit häufig unsichtbar. Gerade diese Arbeit hat jedoch einen enorm hohen Wert für eine Gesellschaft. Man könnte sogar so weit gehen, zu sagen, dass (unbezahlte und bezahlte) Care-Arbeit der eigentliche Kit ist, der die Gesellschaft zusammenhält. Auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung finden sich (für Deutschland) hierzu einige interessante Inputs – für alle, die sich mit diesem Thema näher beschäftigen möchten.

Zu Beginn der Gesprächsrunde wurde über die Sinnhaftigkeit der Arbeit gesprochen. Vielleicht ist es aber nicht so sehr allein der Sinn der (eigenen) Arbeit, der den Wert der Arbeit ausmacht, sondern die tatsächliche Wertschätzung unsichtbarer Arbeit, die oft erst dann sichtbar wird, wenn sie nicht mehr gemacht wird. Das bedeutet nun aber nicht, dass wir uns mit salbungsvollen Worten bei der nächsten Kassiererin oder dem Pflegepersonal für ihre aufopfernde Arbeit bedanken müssen. Diese Art der Wertschätzung und Dankbarkeit ist vielleicht gut gemeint, geht aber an den Realitäten dieser Menschen vorbei. Auch sie müssen ihren Kühlschrank füllen und Miete zahlen. Darum zum Abschluss ein paar (vielleicht illusionsreiche) Fragen für eine (bessere?) Zukunft:

Was, wenn alle die Care-Arbeit (ob bezahlt oder unbezahlt) leisten ihre Arbeit plötzlich niederlegten?
Was, wenn alle arbeitenden Menschen das gleiche verdienen würden? (Denke diesen Gedanken ruhig radikal zu Ende)
Was, wenn wir uns ohne Neid für die Schwächeren einsetzten und in tatsächlicher Solidarität lebten?
Was, wenn es kein Geld mehr gäbe?
Was, wenn ich nicht arbeiten müsste, um zu leben, sondern allein meinem natürlichen Antrieb (für jede*n etwas anderes) folgen könnte?

Viel Freude beim Durchdenken dieser Fragen!

Am 17. Mai lesen wir aus Melancholie des Widerstands von László Krasznahorkai – kein einfacher Roman, jedoch ein durchaus literarisch wertvoller und inhaltlich gehaltvoller. Wer eine kleine Herausforderung möchte, darf gerne reinlesen. Ich schicke (auf Wunsch) gerne vorab ein paar Textstellen und freue mich auf die Diskussion.

Eure Anne

Text: © Anne Bendel, Nachbesprechung Das Literarische Café vom 19. April 2026
Image: Marcel Strauß, unsplash

*Als kleine Randbemerkung: Dies muss nicht der Vorstellung des Teilnehmenden entsprechen und ist bewusst provokativ formuliert, um Begriffe wie "High Performer" und "Workoholic" kritisch zu beleuchten.

Literatur:
Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben. München/Berlin: Piper, 17. Auflage, 2016 (1967).

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