„Es ist nicht verboten sich zu verändern“

Über Privilegien & und die Möglichkeit zur Transformation

Über Privilegien sprechen zu können bedingt aus meiner Sicht zunächst eine Annäherung an den Begriff "Privilegien". Gerade bei Begriffen, die eine Diskursverschiebung erfahren haben (was nicht selten passiert), halte ich dies für virulent. Wichtig dabei scheint mir auch, zu verstehen, dass wir uns in einem Diskurs bewegen, der, wie es scheint, entweder mit oder gegen den Zeitgeist geht. Allein aber diese Annahme ist vielleicht schon Teil des "Problems", der zu einem viel beschworenen "culture war" erst führen konnte. Dies aber nur am Rande.

Zeitgeistig ist es, mindestens in links-woken Kreisen, verstärkt über Privilegien und den Status Quo nachzudenken. Genau in diesem Diskurs bewegten wir uns auch am Sonntag, den 18. Mai im Literaturcafé als es um Privilegien im Zusammenhang mit patriarchalen Strukturen ging. Damit ist auch gemeint, dass wir den rein wissenschaftlich-empirischen Bereich verliessen und in einen aktivistischen eintraten.

Zum Begriff

"Privilegien" zu haben bedeutet ursprünglich so etwas wie das Erlangen von Sonderrechten. Der Begriff kommt "von lateinisch privus (einzeln, eigentümlich, gesondert) und lex (Gesetz), ein Vor- oder Sonderrecht, das einem Individuum oder einer Gruppe explizit von einer höheren Machtinstanz gewährt wird", wie Jürgen Scheller in seinem Essay Vom Nutzen und Schaden eines Begriffs schreibt.
Diese "Sonderrechte" wurden von Königen, Päpsten und Fürsten "nach Gutdünken", also willkürlich, verteilt, wodurch eine Gruppe von Menschen Vorteile erhielt, wie beispielsweise Getreidemühlen zu betreiben – ein "Sonderrecht", das später "prinzipiell" jedem zustand. (Vgl. Scheller)

Wichtig dabei ist zu verstehen, dass Privilegien in hierarchisch organisierten Strukturen vorhanden sind – man könnte sagen: Ohne Hierarchien gäbe es keine Privilegierten und damit auch keine Unterprivilegierten oder Diskriminierten. Hierarchische Strukturen aber bestehen bis heute.

Die jüngere Privilegienkritik steht, wie Scheller betont, "in der Tradition linken Denkens, dessen Axiome weniger die Eigenmächtigkeit des Individuums (Liberalismus) oder die angeblich naturgegebenen Hierarchien (wie im rechten Denken) betonen, sondern historisch kontingente Klassengegensätze". Scheller kritisiert die Tendenz Privilegien als "Kampfbegriff" zu verwenden. "Als Kampfbegriff ist das Privileg Teil jener emotionalen und stark polarisierten culture wars, welche die hybride Medienöffentlichkeit des von Polykrisen geprägten 21. Jahrhunderts kennzeichnen und in denen Machtpositionen – oder die Zugänge zu ihnen – neu ausgehandelt werden. Etwas holzschnittartig formuliert, treffen dabei progressive Gruppen, die Minderheitenanliegen vertreten und nach Macht streben, auf von Haus aus konservativer ausgerichtete Mehrheitsgesellschaften oder Eliten, die ihre bestehenden Machtpositionen verteidigen und als privilegiert gelten."

Sicher richtig ist, dass der Begriff "Privilegien" stark polarisiert und derzeit eher in aktivistische Kreisen zirkuliert. Die (kultur-)wissenschaftliche Aufgabe ist es genau dies einzuordnen – an dieser Stelle käme der Diskussion ein Diskurs über Haltungsfragen der Wissenschaft zugute, kann und soll allerdings hier nicht geleistet werden. Eine kleine Anmerkung meinerseits soll an dieser Stelle genügen: Wissenschaft ohne Haltung, ohne Positionierung ist aus meiner Sicht nicht (mehr) möglich – vielleicht auch nicht (mehr) ohne Aktivismus. Spätestens seit den Angriffen Trumps auf die Wissenschaft sollte dies deutlich geworden sein. Eine Abgrenzung und differenzierte Auseinandersetzung sind dennoch unbedingt geboten.

Schellers Argumentation ist deshalb nicht gänzlich falsch – sie gibt zu verstehen, den Begriff "Privilegien" differenzierter zu betrachten und ist zugleich eine Kritik an schwammig und inflationär gebrauchten Begriffen und der linksorientierten – vielleicht aber gar nicht unbedingt nur links, sondern einfach an Menschenrechten orientierten – Privilegienkritik. Es ist zudem auch fraglich von wem ein sogenannter "culture war" ausgeht und ob diejenigen, die auf Ungleichheiten (verstärkt) aufmerksam machen und sich zu Wort melden, diejenigen sind, oder jene, die sich weigern an einem solchen Diskurs teilzunehmen. Diese Formulierung ist keineswegs als Verweigerung zu einem Dialog zu verstehen - vielmehr als Einladung über die eigenen Privilegien, die sicher kontextualisiert werden müssen, nachzudenken.

Die von Scheller richtig beobachtete Diskursverschiebung, die Verschiebung nämlich den Blick auf diejenigen zu richten die Privilegien besitzen, anstatt auf diejenigen die unterprivilegiert oder diskriminiert sind, halte ich (entgegen Schellers Argumentation) für wichtig und richtig. In genau diesem Kontext haben wir uns am Sonntag in der Diskussion bewegt – weshalb ich mich zu diesem Einstieg und kurzen Exkurs zu Beginn dieser Nachbesprechung entschieden habe.

Auch wenn wir uns auch über Privilegien im globalen Kontext unterhielten, wie beispielsweise im Kontext des Kolonialismus und des damit einhergehenden "white privilege", so ging es vorwiegend um Privilegien im Zusammenhang mit patriarchalen Strukturen und der sogenannten Kleinfamilie als "Keimzelle der Gesellschaft". Schon dieses Narrativ dürfen wir einmal hinterfragen. Ist nicht die Kleinfamilie vielmehr die Keimzelle des Patriarchats? Ist es nicht an der Zeit andere Beziehungsmodelle als ebenso gleichwertig anzusehen wie die Kleinfamilie? Freund*innenschaften als ebenso gleichwertig wie eine romantische Beziehung? Diese Fragen standen aber nur am Rande der Diskussion. Immer wieder kamen wir auf Systeme zu sprechen, die es gilt zu hinterfragen und zu durchbrechen. Den Fokus auf eben diese unterdrückenden, patriarchalen Systeme zu legen, wurde zwar auch kritisiert – es komme auch darauf an, wie wir individuell mit den äusserlichen Faktoren umgehen. Glück als Privileg wurde in diesem Zusammenhang genannt. Dennoch herrschte ein allgemeiner Konsens darüber, dass eben dies nicht ausreiche. Das System, die unterdrückenden, patriarchalen Strukturen müssen verändert werden. Das wiederum bedingt, sich individuell mit den eigenen Privilegien auseinanderzusetzen. Sicher auch mit den historisch verankerten – mit Mythen, Erzählungen und Narrativen, die unterdrückende Systeme und das Patriarchat stärken, anstatt es zu schwächen.

Einige davon finden sich in dem Roman Lügen über meine Mutter (2022) von Daniela Dröscher, so auch der Mythos vom "self-made man", der noch immer vorherrscht – ja nicht nur das, der sogar aktiv (erneut) heraufbeschworen wird, insbesondere in den derzeitigen politischen Gefilden in Deutschland. Daniela Dröscher schreibt in ihrem Roman, der in der deutschen Nachkriegszeit angesiedelt ist:

"Das kapitalistische Pendant zum kommunistischen "Held der Arbeit" ist der "self-made man". Dahinter steht die Überzeugung, alles aus eigener Kraft geschafft zu haben. Durch eine Mischung aus Talent, Fleiß, Geschick und allenfalls noch etwas Glück. Die deutsche Nachkriegszeit ist ohne diese Ideologie nicht zu denken. Wiederaufbau, Wohlstand, Wirtschaftswunder. Schuften, Sparen, Emporkommen. In diesem Höher schneller weiter ist mein Vater aufgewachsen. Wohin das führen soll, wo das Ziel dieses unaufhörlichen Aufstiegs liegt, hat mein Vater lange nicht hinterfragt. […] Ich kann die Sehnsucht nach einem besseren Leben gut nachvollziehen. Das Narrativ des "self-made man" aber ist fatal. Denn die Karrieren dieser Männer und Väter basierten natürlich auf der Ausbeutung anderer Gruppen, die im höchsten Maße systemrelevant waren, aber nichts oder viel zu wenig verdienten: der Mütter und Frauen und ihren unbezahlten "Sorge"-Tätigkeiten und der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter. Von der Ausbeutung der Rohstoffe ärmerer Länder einmal ganz abgesehen. Insgeheim wusste mein Vater, dass es Unrecht war, dass die einen so wenig oder gar nichts verdienten und er vergleichsweise viel. Um seinen Besitz vor sich selbst zu rechtfertigen, musste er auf dem Prinzip der Leistung beharren. […] Und ich, Hand aufs Herz, habe ich dieses Leistungsmärchen nicht komplett verinnerlicht? Muss nicht auch ich ständig dagegen ankämpfen?" (278f.)

Genau diese Narrative sind es, die aufgebrochen, hinterfragt und verändert werden müssen. Dazu gehört auch, dass Frauen nicht "froh und dankbar" für etwas sein sollen müssten das sie sich über Jahrzehnte, nein Jahrhunderte hinweg, erkämpft haben und das ihnen, das uns – ich schreibe diese Nachbesprechung auch mit einem female gaze, der male gaze wird ohnehin allzu oft reproduziert – nun wieder genommen wird. Unsere Rechte als Frauen drohen nicht nur (erneut) zu verschwinden – sie verschwinden schon oder sind überhaupt noch nicht da. Am 18. Mai wurde im Kanton Aargau in der Schweiz über eine Lohngleichheitsinitiative abgestimmt – allein schon, dass dies im Jahr 2025 noch einer Abstimmung bedarf, darf wütend machen (Über das Thema "Wut" sprechen wir am 15. Juni noch ausführlich). Nun wurde diese Initiative aber auch noch deutlich abgelehnt. Das kann und darf nicht sein. Doch es ist so. Also: Nein. Wir müssen nicht "froh und dankbar" sein für ein Recht auf Gleichstellung, das uns weder freiwillig noch "einfach so" gegeben wird. Richtig ist, dass wir mit diesen Herausforderungen konstruktiv umgehen müssen. Niemandem ist geholfen mit ständiger Empörung. Wut aber ist berechtigt. Und das Einfordern, gerade von Männern, andere Realitäten zu erschaffen. Das geht. Aktiv und in kleinen, aber wichtigen Schritten. So zum Beispiel bei Familiengründungen auf Teilzeitarbeit umzusteigen und damit die gewonnene Zeit als Statussymbol zu etablieren, die wiederum für gesunde Beziehungen, Freund*innnenschaften und die Familie genutzt werden kann. Zeit als Privileg anzuerkennen, die, neben Geld, keineswegs gerecht verteilt ist, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit. Daneben das Eingeständnis auf materielle Güter zu verzichten – eine grössere Wohnung, mehr Geld, mehr materielle Besitztümer –und diese gegen das Privileg Zeit einzutauschen. Das aber ist an sich schon ein Privileg – genau dies zu reflektieren, ist aber wichtig, auch und gerade von Männern. Frauen dürfen genauso ihre Narrative ändern – mehr für sich einstehen, tatsächliche Unabhängigkeit leben, sich Hilfe holen, ohne Scham vor dem eigenen Geldbeutel. An einer Stelle heisst es in Lügen über meine Mutter:

"Die wohlhabende oder auch nur finanziell unabhängige Frau stellt im Patriarchat eine Provokation dar. Eine reiche Frau symbolisiert Tod und Untergang. Ihre Potenz ist eine Gefahr für den männlichen Körper. Kein Wunder, dass meine Mutter dachte, sie müsse für ihr Geld bluten, um es besitzen zu dürfen." (248)

An anderer:

"Kaum etwas ist meiner Mutter im Leben so wichtig wie ihre finanzielle Unabhängigkeit. Geiz ist ihr zutiefst fremd. Doch die Ungläubigkeit, über eigenes Geld zu verfügen, ist sie nie ganz losgeworden. Immer wieder muss ich mir klarmachen, wie ungewohnt es für Frauen damals noch gewesen sein muss, ein eigenes Konto zu besitzen. Ebenso neu war es, einen Beruf wählen zu können, einen, der nicht von den Eltern ausgesucht, oder eine Stelle anzutreten, die nicht einfach vom Ehemann gekündigt werden konnte. Erst seit 1977, dem Jahr meiner Geburt, erhielten Frauen dieses Recht auf Selbstbestimmung. Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie ihr Portemonnaie öffnet. Im Kaufhaus, in der Fußgängerzone. Etwas daran wirkt verschämt und zugleich stolz. Es ist dieselbe Haltung, mit der sie aus dem Schlafzimmer hervortritt, wann immer sie mir ein neues Kleidungsstück vorführt." (20)

Scham als Instrument des Patriarchats. Auch das dürfen wir aktiv verweigern und erlernen wirklich selbstermächtigt zu handeln. Dazu gehört unsere Glaubenssätze über Geld nicht nur zu hinterfragen, sondern sie aktiv aufzulösen. Diese Arbeit geht nicht von allein – sie dauert häufig Jahre. Es ist aber eine wichtige Arbeit. Daneben dürfen Beziehungsmodelle hinterfragt und neu gelebt werden. Schon das sind Schritte auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung. Hierzu verlinke ich euch den wunderbaren Artikel von Franziska Schutzbach, die eben genau in diesen kleinen Schritten das Potenzial sieht.

Privilegien haben also sehr viel mit patriarchalen Strukturen und einem Unterdrückungssystem zu tun, welches nicht nur noch immer vorherrscht, sondern noch drastischer zurückgeholt wird. Nicht irgendwo, sondern hier bei uns. In Europa. In Deutschland. In der Schweiz. Allein schon die steigende Anzahl an sexualisierter Gewalt und Femiziden belegt, dass Frauen wieder aktiver unterdrückt werden.

Darum: Völlig zu Recht sind wir Frauen wütend. Völlig zu Recht akzeptieren wir diese Gegebenheiten nicht länger, die sich schon in kleinen Bemerkungen und als Witz verkleidete Demütigungen tarnen, so wie es in Lügen über meine Mutter dargestellt wird. Auch der Körper der Frau spielt hierbei eine zentrale Rolle – Körper, die kontrolliert, bemessen und verurteilt werden. Auch das ist Thema in Lügen über meine Mutter, wurde aber aus Zeitgründen am Sonntag nicht weiter besprochen. Ein Satz aber, der zu denken geben muss: "Würden alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachen und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlen, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen." (39)

Die Verflechtung von Kapital/Kapitalismus, Geld und Körpern mit dem Patriarchat ist eine ebenso entscheidende, konnte aber nicht weiter diskutiert werden. Darum soll es auch hier bei dieser Anmerkung bleiben.

Das Thema Privilegien im Zusammenspiel mit dem Patriarchat ist so vielfältig, dass sicher noch viel darüber gesagt und geschrieben werden kann und muss. Auch habe ich hier die ein oder anderen Impulse aus dem Gespräch bewusst weggelassen und hoffe auf euer Verständnis.

Ich freue mich, wenn diese kurze Nachbesprechung dem und der ein oder anderen Impulse geben konnte, die zum Handeln anregen. Die Herausforderungen unserer Zeit – und dazu gehört aus meiner Sicht sich über die eigenen Privilegien bewusst zu werden – sind nur dann zu lösen, wenn wir im Gespräch bleiben, ein aktives Miteinander fördern, Zuhören, Raum und Zeit zur Verfügung stellen und uns bewusst werden, dass Veränderung nicht nur möglich ist, sondern auch nichts Verbotenes.

Ich danke allen, die am Sonntag so rege mitdiskutiert haben. Es war und ist mir immer wieder eine grosse Freude.

Bleibt wachsam & wütend!

Eure Anne


Text: © Anne Bendel, Nachbesprechung Das Literarische Café vom 18. Mai 2025
Image: Markus Spiske, unsplash

Primärliteratur:
Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2022.

Sekundärliteratur:
Franziska Schutzbach. Frauen haben noch nie nicht Widerstand geleistet. Online unter https://direkt-magazin.ch/meinung/glstlng-fr/franziska-schutzbach-frauen-haben-noch-nie-nicht-widerstand-geleistet/, zuletzt abgerufen am 21.05.2025.
Jürg Scheller. Vom Nutzen und Schaden eines Begriffs
Kleine Diskursgeschichte des „Privilegs“
- Essay. Online unter https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/privilegien-2024/548594/vom-nutzen-und-schaden-eines-begriffs/, zuletzt abgerufen am 21.05.2025.

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