„Neue Männer braucht das Land“

1982 singt Ina Deter in ihrem Song Neue Männer braucht das Land: "Ich sprüh′s auf jede Häuserwand / Ich such' den schönsten Mann im Land / ein Zettel an das schwarze Brett / Er muß nett sein, auch im Bett." Über vierzig Jahre später sehen sich Frauen nicht mehr allein im analogen Raum mit Übergriffen konfrontiert, sondern auch im digitalen. Künstliche Intelligenz scheint hier nur die Spitze des Eisbergs zu sein – ein Instrument, mit dem die Möglichkeiten sexualisierter Gewalt ins Unermessliche gestiegen zu sein scheinen. Im Übrigen eines, dass von (weissen) Männern erfunden wurde und das (pornographische) Deepfakes und damit weitere Formen der Demütigung von Frauen ermöglicht. Dies zeigt der aktuelle Fall um die Schauspielerin Collien Fernandes, die ihren Ex-Mann Christian Ulmen der "virtuellen Vergewaltigung" beschuldigt, sehr deutlich. Was auch deutlich wird: Frauen sind weder im analogen noch im digitalen Raum ausreichend geschützt. Weder in Deutschland, noch in der Schweiz, noch in vielen anderen Ländern der Welt. "Online-Deepfake-Videos sind fast immer pornographisch", schreibt gar die NZZ. 

Das Problem: Männer.

Am Sonntag, den 22. März sprachen wir in Das Literarische Café über genau dies – über Männlichkeit im Patriarchat. Da gibt es die Alpha-Males, bei denen man (vermeintlich) auf den ersten Blick erkennt, dass es sich um misogyne Sexisten handelt. Der Typ Mann, der neoliberale Ideale wie körperliche Stärke, Vermögen, Status, Macht, finanziellen und materiellen Reichtum sowie Besitzdenken (auch über Frauen) anstrebt und der sich offen zu diesen bekennt. Diese Männlichkeit ist hierarchisch. Sie gibt einen klaren Rahmen vor. Ein Mann gilt nur dann als Mann, wenn er stark, aggressiv, dominant, finanziell erfolgreich, durchsetzungsfähig und ein "natural leader" ist. Der Influencer Andrew Tate ist einer dieser selbsternannten Alpha-Males, die aus ihrer Frauenverachtung keinen Hehl machen. Viele, gerade jüngere Männer scheinen mit den zahlreichen Herausforderungen und Unsicherheiten dieser Zeit – politische Umbrüche, Klimawandel, Krieg – so sehr überfordert zu sein, dass sie eine (vermeintliche) Sicherheit in diesem Typ Mann sehen, wie die Medienwissenschaftlerin Dr. Laura Niebling in einer ARD-Doku zum Thema Performative Males: Kritisieren wir die falschen Männer? sagt.

Damit kommen wir auch schon zu einem weiteren Typ Mann, der in den vergangenen zwei Jahren in den sozialen für Aufregung gesorgt hat: der Performative Mann. Der nette, softe Typ, der sich mit zahlreichen Accessoires wie Jutebeutel, lackierten Fingernägeln und feministischem Buch ausstattet, dabei Matcha Latte schlürft und seine "weibliche Seite" demonstrativ nach aussen zeigt. Dieser Typ Mann steht bereits rein äusserlich in starkem Kontrast zum Alpha-Male, ist aber letztlich auch nur darauf aus, bei Frauen gut dazustehen und bei ihnen zu landen. Es geht bei beiden letztlich um Macht über Frauen.

Nun sind mit diesem sehr knappen Abriss viele, rein äusserliche Zuschreibungen verbunden. Das hat vor allem damit zu tun, dass beide Trends vorwiegend in den sozialen Medien entstanden sind und damit der Logik dieser folgen: es werden einfache Lösungen für ein komplexes Problem präsentiert und damit eine starke Polarisierung vorangetrieben. Die reale Welt sieht selbstverständlich diverser aus und nicht jeder Mann, der Matcha Latte trinkt oder ein Buch liest, ist gleich ein Performer. Gleichzeitig ist auch nicht jeder Mann mit Muskeln ein misogyner Sexist. Das Problem ist: Wie erkenne ich (als Frau) den Unterschied?

Christian Ulmen, um bei dem Fall um Collien Fernandes zu bleiben, war äusserlich weder Alpha-Typ noch performativ, aber er zeigte sich als einer, der sich für feministische Themen einzusetzen schien. Er selbst bezeichnete sich als Feminist. Wie wir nach den Vorwürfen von Collien Fernandes nun wissen: Der Schein trügt, obwohl angesichts einiger seiner vergangenen Aussagen wohl eher konstatiert werden muss: Der Schleier ist gelüftet und endlich schauen wir hin, anstatt, wie so oft, peinlich berührt, beim nächsten sexistischen Witz oder der ach so witzigen Comedy-Serie (in diesem Fall "Jerks", 2017) abzuwiegeln und das Thema beiseite schieben. Ja, wir schauen jetzt hin und gestehen uns endlich ein: Die Scham muss die Seite wechseln.

Was wir auch verstehen: Es ist kein Problem, das ein paar wenige Frauen betrifft. Es ist ein struktureller und kollektiver Missstand, vor dem wir spätestens seit Giséle Pelicot, seit den Epstein-Files, seit Collien Fernandes, deren Fall wohl eine ähnliche Tragweite haben wird, nicht mehr die Augen verschliessen können. Die Solidarität ist auch hier gross und dennoch: Der Frauenhass, vor allem im digitalen Raum, geht weiter. Viel gravierender noch ist die Reaktion des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz auf die seit dem 19. März neu entflammte Debatte um sexualisierte, digitale Gewalt gegen Frauen. Er betreibt Mansplaining und Othering, in dem er sich selbst für seine Erfolge mit Bezug auf ein Gewaltschutzgesetz lobt und das Problem – welches in diesem Fall Christian heisst – als ein importiertes framt. Man kommt fast nicht umhin einen zynischen Kommentar zu schreiben. Dieses Verhalten trägt jedoch nicht nur zu einer weiteren Polarisierung bei – es ist und bleibt gefährlich, vor allem für Frauen. Collien Fernandes bekam Morddrohungen nachdem sie ihre Vorwürfe öffentlich machte. Dafür, dass sie redete. Mit einer schusssicheren Weste und umringt von Security trat sie dennoch am 26. März in Hamburg auf einer Grossdemonstration gegen digitale Gewalt an Frauen auf, bei der 22.000 Menschen teilnahmen. Ihren Mut muss man bewundern. Und dennoch: Wir Frauen verlieren mit jedem dieser Fälle, die öffentlich werden (zurecht) mehr und mehr das Vertrauen in Männer. Es ist als würde man in eine Keksdose greifen, in der mindestens die Hälfte vergiftet ist, aber keiner sagt einem, welcher Keks es nicht ist.

Eines möchte ich dabei ganz deutlich machen: Es ist richtig und wichtig, dass diese Fälle an die Öffentlichkeit gelangen. Wir müssen endlich hinschauen. Nur so kann sich etwas ändern – im öffentlichen Bewusstsein, in der Gesetzeslage und letztlich auch im Kern: Patriarchales Besitzdenken und Machtansprüche auf die Körper von Frauen müssen ein Ende haben und es muss Aufgabe von Männern sein genau hier hinzuschauen. Der Rest bleibt Symptombekämpfung, obwohl Frauen durch systematisches Niederlegen sämtlicher Care-Arbeit das Patriarchat auch ohne die Unterstützung von Männern zum Einsturz bringen könn(t)en. Nur ist es kräftezerrend, nicht nur für uns Frauen. Männer tun also gut daran sich an diesem Prozess zu beteiligen. Dafür aber bedarf es einer neuen Männlichkeit und vielleicht dem ein oder anderen Beweis mehr dafür, dass wir Frauen Männern (wieder) vertrauen können.

Wie könnte diese neue Männlichkeit aussehen?

Zu dieser Frage habe ich einen Beitrag von Luca Leander Wolz in den sozialen Medien entdeckt: „wie meine (vorstellung von) männlichkeit nach dem patriarchat aussieht“. Als kleine Randbemerkung zur Schreibweise: die konsequente Kleinschreibung wird als Mittel eingesetzt, mit hierarchischen Strukturen zu brechen und bewusst auf diese zu verzichten. Zurück aber zum Beitrag. Er beschreibt seine Vorstellung der Männlichkeit nach dem Patriarchat mit den Attributen „weich“, „konfliktfähig“, „affektiv“, „caring“, „(emotional) stark“. Nun wurde im Gespräch bemängelt, dass diese sich zu stark an weiblichen Attributen orientieren würden und die Männer „sich doch gefälligst etwas Eigenes“ einfallen lassen sollten. Auf diese Bemerkung folgte ein Kommentar: „Was erwartest du denn von ihm?“. Allein dieser kurze Wortwechsel zeigt aus meiner Sicht eine starke Diskrepanz zwischen Männern und Frauen. Im Übrigen aber teile ich die Kritik an dem Beitrag auch so nicht, möchte sie aber in Teilen kurz einordnen.

Zuallererst geht es hier wohl um Zuschreibungen: bestimmte Attribute werden automatisch als weiblich oder männlich gelesen, nicht weil sie „von Natur aus“ so sind, sondern weil wir uns Paradigmen geschaffen haben, die wir noch immer viel zu selten hinterfragen. Dazu gehört auch, dass all diese Attribute weder männlich noch weiblich sind – zugeschrieben und damit aus der Sozialisierung heraus entstanden, aber sehr wohl schon. Wenn aber nun all diese im Beitrag genannten Attribute als weiblich zugeschrieben gelesen werden, muss ich auch dem in Teilen widersprechen. Auch Frauen haben gelernt Emotionen zu hierarchisieren: Freundlichkeit und Empathie gelten als besonders weiblich, Wut hingegen als unangebracht. Affektiv zu sein, scheint mir also auch als Frau nicht unbedingt erwünscht. Daneben sind Emotionen sowie die beschriebenen Attribute grundsätzlich nicht an ein Geschlecht gebunden. Empathie und Fürsorge beispielsweise sind menschlich, nicht weiblich. Darum kann und sollte ein Mann auch caring sein und die soziale Verantwortung (mit)tragen, die Beziehungen mit sich bringen.

Die wiederkehrende Tendenz hegemonialer (oder toxischer) Männlichkeit liegt nun darin, dass die Anerkennungsstrukturen (Erwerbstätigkeit, Ernährerrolle, Autorität) wegfallen und patriarchale Strukturen (zurecht) aufgeweicht werden. (Kimmel 2017) Dies führt in erster Instanz zu Verunsicherung und in nächster zu Überkompensation: Abwertung anderer, Hypermaskulinität, autoritäre Fantasien. Luca Leander Wolz schreibt weiter: „Das Problem dabei ist nicht die Erosion patriarchaler Privilegien. Sie ist ein Fortschritt. Problematisch ist vielmehr, wenn der Umgang mit dieser Verschiebung regressiv ausfällt. Die Antwort auf brüchige Anerkennung kann daher nicht in einer Re-Radikalisierung traditioneller Härteideale liegen. Stattdessen braucht es progressive Entwürfe von Männlichkeit, die nicht auf Dominanz, sondern auf Beziehung, Verantwortungsübernahme und Affektkompetenz beruhen.“ (Quelle: Instagram @psychologeluca)

Ich möchte an dieser Stelle noch ein paar tiefergehende Gedanken und Thesen teilen: Das Problem liegt wohl auch in einem ausschliesslich von den eigenen Instinkten getriebenen und damit in animalischem Verhalten – zumeist von Männern, die im Patriarchat gelernt haben, dass ihre Machtausübung (die letztlich aus Instinkten heraus entsteht) funktioniert (hat). Diese aber bröckelt (zurecht). Anstatt jedoch zu reflektieren, dass wir menschlich sind und damit ein Zeitgefühl besitzen, dass Tiere so nicht zu haben scheinen – wir haben die Fähigkeit aus der Vergangenheit zu lernen und die Zukunft zu gestalten, wenn wir uns nicht ausschliesslich von Instinkten leiten lassen – arbeiten vor allem Männer kontinuierlich an ihrer eigenen Auslöschung. Wenn sie ihre Macht, die sie ja haben, für die Weiterentwicklung und eine integre Zukunft für die Menschheit und alle Lebewesen und damit auch für sich, einsetzen würden, gäbe es dieses Problem überhaupt nicht. Dass sich vor allem Männer von ihren Instinkten leiten lassen, sehen wir an der Zunahme sexualisierter, digitaler Gewalt durch Künstliche Intelligenz sehr deutlich. Der buddhistische Mönch Nichiren Daishonin  (1222–1282) sagte einmal: „Fische wollen überleben. Sie beklagen das flache Wasser ihres Teichs und graben Löcher, um sich darin zu verstecken. Vom Köder in die Irre geführt, schnappen sie trotzdem nach dem Haken.“ (Vgl. Causton 48) Ähnlich scheint es mit der Künstlichen Intelligenz zu sein: Männer, die diese Technologie entwickelt haben, lassen sich von ihren Instinkten leiten und vergessen dabei vollkommen die Konsequenzen ihrer Handlungen. Dieses Verhalten liesse sich wohl auf die Entwicklung zahlreicher Technologien übertragen, soll aber nun nicht Thema sein. Wichtig dabei ist: Wenn, wie Causton schreibt, „vom Instinkt beherrschte Lebewesen mit einer höheren Intelligenz zusammentreffen, [tritt die fehlende Kontrolle deutlich zu Tage]. (ebd.)

Menschlich zu sein aber bedeutet, die Konsequenzen der eigenen Handlungen zu erkennen und damit seine Instinkte und die sehr wohl vorhandene Animalität in jedem Menschen zu kontrollieren. Auch das muss aus meiner Sicht eine neue Männlichkeit, ja eine neue Menschlichkeit, beinhalten. Bis sich diese Form der Männlichkeit und letztlich der Menschlichkeit, durchsetzt, wird es sicherlich einige Zeit dauern und es kann und darf nicht auch noch Aufgabe von Frauen sein, diesen Teil der Arbeit mitzutragen. Gleichzeitig braucht es auch (wieder) Begegnung und Verbindung auf Augenhöhe. Wo diese möglich ist, sollten wir sie nutzen. Aber auch das braucht Zeit und den beständigen (Wieder-)Aufbau von Vertrauen. Wie die Künstlerin Yaenniver in ihrer Neuinterpretation von Neue Männer braucht das Land singt: „Schon viel zu lang steht es nur an jeder Wand / Jetzt reißen wir sie ein, Hand in Hand / Und schrei’n es raus, schrei so laut, wie du kannst / Neue Männer braucht das Land“. Oder anders: Nieder mit toxischer und hegemonialer Männlichkeit. Nieder mit dem Patriarchat. Egal, ob Mann oder Frau: Bleibt wütend, weich und unbequem.

Eure Anne


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Text: © Anne Bendel, Nachbesprechung Das Literarische Café vom 22. März 2026

Images: KI-generiert, canva / Teo Zac, unplash

weitere Literatur/Links:

Anne-Kathrin Heier: KI und Feminismus. Edition F, 11.03.2026, https://editionf.com/arbeit-sinn/ki-interview-mit-alke-martens/, zuletzt abgerufen am 28.03.2026.

Richard Causton: Der Buddha des Alltags. Augsburg, SGI-Deutschland: 1998.

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