„Künstliche Intelligenz und echtes Leben“ oder: Was ist eigentlich Technik?

Diesen Monat ging es in Das Literarische Café mit Bezug auf Christian Uhle um Künstliche Intelligenz und echtes Leben (2024). Diese Nachbesprechung ist wie immer gespickt mit eigenen Gedanken und Reflektionen zu diesem vielschichtigen Thema. Zu Beginn des Treffens haben wir nicht so sehr über KI an sich gesprochen, sondern darüber was Technik eigentlich ist, welche Versprechen mit neuen Technologien einhergehen und ob wir es mit der Technik „zu weit treiben“ können?
„Vom Standpunkt des Glücks aus beurteilt, ist die Technik abzulehnen.“ Dies schrieb der 19-jährige Max Frisch in einem Abituraufsatz, der erst kürzlich wiederentdeckt wurde. Nun soll es an dieser Stelle nicht um Glück gehen, sondern um die Frage: Was ist Technik und wozu ist sie gut? Mit Rekurrenz auf den polnischen Philosophen Leszek Kołakowski schreibt Uhle:
„[Die] menschliche Existenz [ist] mit zwei elementaren Herausforderungen verbunden: praktisch mit der Welt umzugehen und sich emotional in ihr geborgen zu fühlen. […] Technik [folgt] der ersten dieser beiden Strategien: Durch Technik geht der Mensch praktisch mit seiner Welt um und schafft es, sie teilweise unter Kontrolle zu bekommen. Es geht also darum, die Welt um sich herum beherrschbarer zu machen und ihr weniger ausgeliefert zu sein. Aber kann dieser Ansatz auch zu weit getrieben werden? Und wie verändert es unser Lebensgefühl, wenn immer mehr Bereiche von einer solchen Logik der Beherrschung durchgezogen werden? […] Der technische Blick sieht die Welt als ein systemisches Ding an, das uns zur Verfügung steht und an unsere Bedürfnisse angepasst werden kann. Wenn dieser Blick dominant wird, kann es passieren, dass wir uns selbst den Dingen annähern. Denn unser Lebensgefühl wird wesentlich dadurch geprägt, wie wir mit unserer Welt in Beziehung treten.“ (27ff.)
Dieser letzte Satz ist programmatisch, denn Technik, so erklärt Uhle, ist „eine solche Art und Weise, mit der Welt in Beziehung zu treten“. (29) Technik steht also zwischen dem Ich und der Welt: Mensch – Technik – Welt. Als Brillenträgerin beispielsweise lässt sich dies leicht erklären. Ich benötige die Brille als Mittel oder Werkzeug, um die Welt klar sehen und erkennen zu können.
In der Phänomenologie des Geistes (1807) von Georg W. F. Hegel heisst es:
„Denn ist das Erkennen das Werkzeug, sich des absoluten Wissens zu bemächtigen, so fällt sogleich auf, daß die Anwendung eines Werkzeugs auf eine Sache sie vielmehr nicht läßt, wie sie für sich ist, sondern eine Formierung und Veränderung mit ihr vornimmt. […] Oder ist das Erkennen nicht Werkzeug unserer Tätigkeit, sondern gewissermaßen ein passives Medium, durch welches hindurch das Licht der Wahrheit an uns gelangt, so erhalten wir auch so sie nicht, wie sie an sich, sondern wie sie durch und in diesem Medium ist.“ (69f.)
Mit anderen Worten: Das Erkennen ist das Werkzeug durch das hindurch wir an Wissen gelangen. Das Erkennen steht also vor dem Wissen. Das Wissen wird formiert und verändert – durch das Medium durch das hindurch wir sehen. Dieses Medium oder Werkzeug ist laut Hegel Erkennen. Übertragen auf die Technik könnte dies bedeuten: Wir erkennen mit Hilfe der Technik und gelangen so an Wissen. Wenn wir beispielsweise durch ein Mikroskop schauen, können wir feinste Membranen erkennen. Wissen entsteht jedoch erst durch Einordnung und Kontextualisierung dessen, was wir erkannt haben. Zudem, so wurde angemerkt, scheint dieser Blick beschränkt, da die Umgebung im Moment des Sehens vermeintlich unbeachtet bleibt. Aber ist dem tatsächlich so? Muss ich nicht erst eine optimale Umgebung schaffen, um unter einem Mikroskop bestimmte Dinge sehen zu können. Nun bin ich keine Naturwissenschaftlerin und beschränke mich deshalb auf die philosophische Diskussion. Entscheidend ist, dass wir durch Technik mit der Welt, respektive einem Teil der Welt, in Beziehung treten.
Um nun die Diskussion auf Künstliche Intelligenz zu lenken: Ist die Technik der Künstlichen Intelligenz (noch) ein legitimes, ethisch und moralisch vertretbares Mittel, um mit der Welt in Beziehung zu treten, um zu erkennen und letztlich an Wissen zu gelangen? Oder ist sie schlicht und einfach ein Mittel der Verfälschung, Manipulation, der „unechten“ Begegnungen? Haben wir es mit der Entwicklung und Verbreitung dieser Technik zu weit getrieben?

Um uns diesen Fragen zu widmen, haben wir uns das Projekt Auschwitz.us angesehen. Ein Bildungsprojekt der PixelHELPER Foundation gGmbH (einem wohlgemerkt gemeinnützigen Unternehmen) das jungen Menschen einen immersiven Zugang zur Geschichte des Holocaust ermöglichen soll – eine „immersive mobile Holocaust Gedenkstätte & Musical“. Auf der Webseite heisst es: „Auschwitz.us ist ein Bildungsprojekt, das jungen Menschen die Realität des Holocaust auf eine immersive und tief berührende Weise näherbringen soll, gerade jetzt, da wir in eine Zeit eintreten, in der kaum noch Zeitzeugen ihre Erfahrungen persönlich weitergeben können.“
Durch VR- und Rauminszenierung beispielsweise, soll gezeigt werden, „wie systematischer Hass entsteht und wie man ihm heute wirksam begegnen kann“, wie es weiter heisst. Es gibt mobile Gedenkstätten für Schulen und Städte sowie interaktive Formate wie Workshops, Debattenräume und digitale Tools für Jugendliche. Dabei wird auch KI eingesetzt. Das allein wäre noch nicht problematisch. Problematisch daran ist, dass die Realität des Holocaust, die hier vermittelt werden soll, stark romantisiert und aus dem historischen Kontext gerissen wird. Die Reaktionen, die eines der Videos, welches wir im literarischen Café angesehen haben, ausgelöst hat, sprechen eine klare Sprache: Wörter wie „geschmacklos“ oder „Provokation“ liessen verlauten, dass das Projekt Auschwitz.us eine klare Grenzüberschreitung ist, wenngleich auch versucht wurde, den Ansatz des Gründers Oliver Bienkowski nachzuvollziehen. So schreibt dieser in den sozialen Medien, dass die Teilnehmer*innen (des mit künstlicher Intelligenz kreierten Musical-Projekts) keine Imitationen der Opfer darstellen würden. Jedoch ist genau dies der Fall, schaut man sich die Videos auf der Website sowie in den sozialen Medien an, in denen Teilnehmende beispielsweise die Kleidung von Gefangenen tragen. Wenn man zudem bedenkt, dass die visuellen Inhalte von Auschwitz mit künstlicher Intelligenz entstanden sind und Abbildungen zeigen, die manipuliert und verfälscht sind – wie das Schild „Arbeit macht frei“ zeigt, welches in einem der Videos mit Hilfe von KI fehlerhaft nachgebildet wurde – wird schnell deutlich, dass das Projekt zum einen wenig professionell ist und zum anderen kaum respektvoll gegenüber den Opfern des Holocaust. Auf der Website Auschwitz.us sowie in den sozialen Medien wird jedoch gerade dieser Anspruch „zutiefst respektvoll gegenüber den Millionen Opfern der Shoah“ zu sein, fast mantrahaft beschworen. Eine Sache wird allerdings nicht dadurch wahr, dass man sie ständig wiederholt – diese Strategie aber ist auch dem Zeitgeist geschuldet, den wir jedoch selbst mit beschworen haben. Liegt es also an uns, die Geister, die wir riefen – und dazu zähle ich KI – selbst zu bändigen?
Sicherlich tragen wir alle die (Mit-)Verantwortung für die (technologisierte) Welt, in der wir leben. Was es aber vor allem braucht, sind klare und verständliche Regeln und eine Technologie, die uns befähigt, tatsächlich mit der Welt in Beziehung zu treten; eine Technologie, die zu „echten“ Begegnungen (dies kann auch im digitalen Raum passieren) führt und nicht jene, die historische Wahrheiten untergräbt, sondern diese sichtbar macht und tatsächlich Grenzen wahrt. Was uns bleibt, ist nicht allein die Stimme zu erheben und das Wort zu suchen, sondern das Gespräch – getreu der frühesten Übersetzung des Neuen Testaments: Am Anfang (jeden Neubeginns) war das Gespräch. Vielleicht ist auch dies eine naive Sicht und trotzdem bin ich der Überzeugung, dass wir uns diese Zeit nehmen sollten. Ganz so plakativ wie Max Frisch sehe ich es übrigens denn doch nicht. Schliesslich können wir durch Technik – im Verkehrswesen, durch Telefonie, Video etc. – sehr viel einfacher mit Menschen in Verbindung treten und Beziehungen führen, die vor diesen Entwicklungen unmöglich waren. Und (gute) Beziehungen zu Anderen braucht der Mensch – nicht nur zum Überleben, sondern auch um glücklich zu sein.
In diesem Sinne – ich freue mich auf viele weitere Gespräche.
Weitere Infos, Termine & Anmeldung hier.
Text: © Anne Bendel, Nachbesprechung Das Literarische Café vom 15. Februar 2026
Images: Harpreet Singh, unsplash / Still Auschwitz.us
Literatur:
Christian Uhle: Künstliche Intelligenz und echtes Leben. Frankfurt a. Main, S. Fischer: 2024.
Georg W. F. Hegel: Phänomenologie des Geistes. Paderborn, Voltmedia: 2005.
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