„Keine Angst – Künstlerischer Widerstand an der Grenze zur Kunstfreiheit“

Wenn wir uns den Titel dieses Literarischen Cafés vom 18. Oktober 2026 anschauen, stellen sich drei Fragen: Was ist Kunstfreiheit? Wogegen richtet sich der Widerstand? Und wovor sollen wir "Keine Angst" haben? 

Blickt man auf die erste dieser drei Fragen, geht es auch darum, was Kunst eigentlich ist und ob diese, im Hinblick auf die im Gesetz verankerte Kunstfreiheit, vom Staat definiert werden darf. Auch darüber haben wir an diesem Sonntag gesprochen. Viel wichtiger aber war die Frage, ob Gewalt unter bestimmten Umständen legitim erscheint.

Aber der Reihe nach.

Es ging natürlich, wie die meisten, die diese Nachbesprechung lesen, wissen werden, um die Kontroverse rund um den Song "Keine Angst" von Danger Dan. Dieser wurde im Sommer 2026 eingeladen, seinen neuen Song "Keine Angst" zusammen mit dem Pianisten Igor Levit in der ZDF-Satire-Sendung "Die Anstalt" zu präsentieren. Aber daraus wurde nichts. Die Verantwortlichen des ZDF luden die beiden wenige Tage vor der Sendung wieder aus – mit der Begründung es handle sich um eine "unzulässige Anleitung zu gewaltbereitem Widerstand", der Songtext würde also gegen die Programmrichtlinien des ZDF verstossen. Juristisch wurde das Ganze in der ZDF-Sendung "Aspekte" vom 17. Juli 2026 eingeordnet, darum möchte ich gar nicht so sehr darauf eingehen. Nur so viel: Der Songtext ist juristisch betrachtet von der Kunstfreiheit gedeckt, so wie auch Danger Dans gleichnamiger Song "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" aus dem Jahr 2021, auf den sich auch "Keine Angst" bezieht.

Die Kunstfreiheit ist in Deutschland im Artikel 5 des Grundgesetzes festgelegt und erfährt per Gesetz keine ausdrücklichen Beschränkungen. Beschränkt werden kann die Kunstfreiheit nur "aus Gründen, die in der Verfassung selbst liegen" (Dimter). Das betrifft dann beispielsweise Jugendschutz und Persönlichkeitsrechte. Die Frage nach der Kunst selbst und inwieweit der Staat diese definieren darf, erörtert Gero Dimter im Magazin Politik und Kultur in der Ausgabe vom 28. August 2024. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung gibt Hinweise darauf und erläutert die Kunstfreiheit.

Nun aber zur viel wichtigeren Frage: Ist Gewalt unter gewissen Umständen legitim? Und ist es überhaupt das, worum es in Danger Dans Song "Keine Angst" geht?

Die Teilnehmenden des literarischen Cafés waren sich ziemlich einig: Danger Dans Song ist ein Aufruf zur Gewalt und ein "Empowerment der linken Community", diese Gewalt auch anzuwenden. Dies wurde insbesondere in den Zeilen "Die seh`n gefährlich aus, aber wir legen sie lang" und "Ist eh klar, was zu tun ist, ich sag nix mehr dazu / Liebe Grüβe an Lina, Gucci, Maja und Nanuk" gelesen. Lina E., Johann G. (Gucci), Thomas J. (Nanuk) und Maja T., die in diesem Song gemeint sind, sind zum Teil verurteilte, zum Teil vor Gericht stehende Personen, die dem linksextremen Spektrum zugeordnet werden. Die ersten drei gehören der von einigen Medien als "Hammerbande" bezeichneten Gruppe an, die für eine Reihe an linksextremen Übergriffen mit zum Teil schwerer Körperverletzung verantwortlich sein sollen.

Maja T. wird dem Budapest-Komplex zugeordnet. T. soll im Februar 2023 auf einer Gegendemo zur rechtsextremen Demonstration zum "Tag der Ehre" in Budapest an schwerer Körperverletzung und versuchtem Mord beteiligt gewesen sein. T. wurde zu einer Haftstrafe von zunächst 8 Jahren, nach Berufung 7 Jahren ohne Bewährung verurteilt. Abschliessend geklärt sind die Umstände rund um die Übergriffe in Budapest und Maja T.s Mittäter*innenschaft jedoch nicht.

Nun kann man die Zeilen in Danger Dans Song 1:1 so verstehen, dass es ausschliesslich darum ginge, Nazis zu entlarven und diese zusammenzuschlagen. Oder aber man beginnt sich zu fragen, worum es in diesem Song noch gehen könnte.

An dieser Stelle möchte ich einmal deutlich machen: Ich lehne Gewalt grundsätzlich ab, insbesondere dann, wenn sie organisiert ist und nicht zum Zwecke der Selbstverteidigung eingesetzt wird. Und doch erhält mein pazifistisch-humanistisches Weltbild Risse - über Pazifismus und die Frage, ob wir uns diesen in der heutigen Zeit überhaupt noch leisten können, haben wir bereits vor einem Jahr gesprochen.

Es enthält Risse zum einen aufgrund des Erstarken rechtsextremer Kräfte, aber auch, weil ich in die Geschichte blicke und mich fragen muss: Hat es grundlegende Veränderungen jemals ganz ohne den Einsatz von Gewalt gegeben? So waren die Suffragetten, die für das Stimmrecht für Frauen kämpften auch nicht gerade zimperlich. "Sie stecken Boots- und Sommerhäuser in Brand. Sprengen Bahnhöfe. Ihre Parolen pinseln sie ohnehin überall hin. Und natürlich verstehen sie auch, sich zu wehren, wenn ein Polizist zulangt. Nicht mit Geschrei. Sie kämpfen professionell. Denn sie trainieren Jiu Jitsu, für den Ernstfall." So heisst es in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 19. März 2019 mit dem Titel Sie hatten keine Wahl – der Kampf der Suffragetten.

Haben auch wir keine Wahl? Wie schlimm muss es noch werden? Müssen wir noch weiter dabei zusehen, wie rechtsextreme Demos veranstaltet und geduldet werden, bei denen menschenfeindliche Positionen vertreten und verbreitet werden? Wie die AfD in Deutschland und rechtsextreme Kräfte in ganz Europa und auf der Welt sich ausbreiten? Sollen wir weiterhin dabei zusehen wie queere Menschen, Migrant*innen und andere Minderheiten und alle die nicht mitmachen, mundtot – oder gar tatsächlich getötet werden? Ganz zu schweigen von all den anderen grossen Herausforderungen unserer Zeit: der Klimakatastrophe, Kriegen, dem Umgang mit Künstlicher Intelligenz und Tech-Giganten, patriarchaler Gewalt, Lobbyismus und Mutlosigkeit in Politik und Unternehmen, wenn es um all diese Fragen geht.

Vor ein paar Tagen gewann der Influencer Marcant den Bayerischen Medienpreis als Beliebteste-Social-Media-Persönlichkeit für sein politisches Engagement in den sozialen Medien. Laut eigenen Angaben hat er mit seinen Videos inzwischen über 1000 Menschen dazu gebracht, aus rechtsextremen Kreisen auszusteigen. Sein Team konnte aufgrund der aktuellen Bedrohungslage nicht anwesend sein. "Es gibt wenige Todeslisten, auf denen ich nicht stehe", so Marcant in einem Beitrag des ZDF vom 8. Juli 2026. Ob dem so ist, könnten die 420.000 gehackten E-Mails aus einem Datenleak der AfD zeigen, die u.a. Antifa-Listen, Russland-Reisen und den Umgang mit dem Verfassungsschutz enthalten sollen. Man wird an dieser Stelle abwarten müssen, bis die Echtheit dieser E-Mails nachgewiesen und die Auswertung abgeschlossen ist.

Marcant aber macht weiter und zeigt – es funktioniert: mit Aufklärungsarbeit und ganz ohne Gewalt, aber zu einem hohen persönlichen Preis. Ohne Sicherheitsvorkehrungen und offenbar ständiges Umziehen, scheint es nicht zu gehen. Das ist ein Beispiel von Polit-Influencern, die den Narrativen der Rechtsextremen etwas entgegensetzen. Schön wäre es, wenn der Staat diese Menschen ausreichend schützen würde.

Zurück aber zu Danger Dan und der Frage, ob Gewalt nicht doch manchmal nötig ist. Diese Frage wurde auch von einem Teilnehmenden gestellt und konfrontierte uns, so jedenfalls mich, mit zum Teil ambivalenten Gefühlen. Auch ich lese in den Zeilen von Danger Dan einen Aufruf zu Gewalt. Ich lese einen Zuspruch für die weiter oben genannten Personen aus der linksextremen Szene und ich lese eine Anleitung zu einer möglichen Vorgehensweise.

Nach Gesprächen und dem wiederholten Hören und Lesen des Songtextes lese ich noch etwas anderes: Einen Aufruf, bereit zu sein für das was kommt.

Von den wenigen Aussagen, die von der Person Maja T. bekannt sind, scheint mir eine hier passend: "Antifaschismus ist die notwendige Selbstverteidigung demokratischer Gesellschaften. (...) Da ist kein Wunsch zu verletzen und zu töten."

Und nochmal: Auch wenn ich die Taten von Maja T., wie oben beschrieben, verurteile – so sie denn tatsächlich so waren – dieser Satz von Maja T. trifft einen Punkt, der auch bei Danger Dan erkennbar wird. Es geht nicht darum, Gewalt zu verüben, wo sie nicht notwendig ist. Es geht um Selbstschutz und ja, es geht um Empowerment.

Trotzdem kann und soll man die Songtexte von Danger Dan kritisieren und einordnen. Dies wäre von "Der Anstalt" zu erwarten gewesen. Danger Dan und dem Erfolg des Songs hat die Ausladung des ZDF bei Weitem nicht geschadet und ich halte es auch für falsch von "Zensur" oder "autoritärem Akt" zu sprechen, so wie Danger Dan und Igor Levit es getan haben. Wie in der oben verlinkten Sendung "Aspekte" betont wird, kann Zensur nur vom Staat ausgehen, nicht aber von einem Sender oder einer einzelnen Person.

Nun können wir den Song aber auch als das nehmen, was er ist: Kunst. Die wiederum kann mehr bewirken, als wir glauben. Sie darf provozieren, Fragen aufwerfen, unbequem und wütend sein und manchmal eben auch Grenzen austesten. Aber sie ist eben auch weich und zärtlich. Auch das höre und lese ich in den Texten von Danger Dan, insbesondere in dem Song "Aber dann".

Vielleicht gilt es, diese Ambivalenzen, oder nennen wir es Zwischentöne, die uns die Kunst so wunderbar vor Augen führt, auch bei uns selbst auszuhalten. Es gibt hier nicht die eine Interpretation – wenn dem so wäre, hätten wir es nicht mehr mit Kunst zu tun. Eines aber können wir aus dieser Debatte lernen: Dass wir angesichts dessen, was auf der Welt los ist, unsere Bequemlichkeit aufgeben und vielleicht doch ein wenig mehr Angst haben sollten. Nicht, um in Ohnmacht zu verfallen, sondern, weil wir die Gefahren und Herausforderungen nicht länger ignorieren. Ich bin der Ansicht, dass wir dies ohnehin nicht mehr lange werden tun können.

Welche Art des Widerstands die richtige war, wird sich vermutlich ohnehin erst in der Retrospektive zeigen. Die Hauptsache ist, wir leisten ihn. Wie Luisa Neubauer in ihrem Newsletter vom 17. Oktober so wunderbar ermutigend schreibt: "Wenn es Grund für Zuversicht gibt, dann aus der Erfahrung, dass unter vielen unfertigen Versuchen und unperfekten Vorstöβen, immer auch welche sind, die als Teil einer längerfristigen Perspektive bestehen können."

Beim nächsten Mal geht es widerständig weiter. Dann mit einem Roman, der mir persönlich sehr am Herzen liegt und das ist "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" von Erich Kästner. Das Thema lautet: "Über Moral und den Versuch alles richtig zu machen".

In besorgten, aber hoffnungsvollen Grüssen
Eure Anne

Text: © Anne Bendel, Nachbesprechung Das Literarische Café vom 18. Oktober 2026
Image: unsplash

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