„Banalität des Bösen“

Nach der Sommerpause ging es am 27. September weiter mit einem Thema, das mich schon seit einigen Jahren beschäftigt: die Banalität des Bösen.
Dieses Thema muss immer auch ein Dialog mit Hannah Arendt sein, die als Prozessbeobachterin im Fall Adolf Eichmann, derjenige der den Mord an mindestens 6 Millionen Juden während des Dritten Reichs organisierte, fungierte und Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen schrieb. Dieser Dialog aber wurde gerade von zionistischer Seite verweigert.
Um einen kurzen Überblick über dieses durchaus komplexe Thema zu bekommen, habe ich zunächst versucht einen knappen Abriss über die geschichtlichen Zusammenhänge zu geben und die Geschichte rund um Adolf Eichmann vorzustellen.
Weil ich hierüber in meiner Masterarbeit bereits ausführlich geschrieben habe, erlaube ich mir einen Hinweis auf einen Essay, den ich im November 2023 als Blogartikel veröffentlicht habe und hier nun ebenfalls teilen möchte. Dieser enthält einiges, was ich im Gespräch erwähnt habe, aber nicht ausführen konnte.
Als Anmerkung dazu möchte ich eines ganz deutlich machen: In dieser Arbeit übe ich Kritik an den Mechanismen des Archivs, die immer auch eingebettet sind in den politischen Diskurs. Als Literaturwissenschaftlerin sehe ich genau das als meine Aufgabe: einen kritischen Blick auf diejenigen Institutionen zu werfen, die unsere Geschichte bewahren. Was ich aber damit in keinster Weise andeuten möchte, ist eine Absage an das Archiv als Institution. Ganz im Gegenteil: Das Archiv ist der einzige Ort, der Wissen authentisch und integer überliefern kann. Kein anderer Ort kann dies. Darum ist es umso wichtiger, dass das Archiv selbst, sich als Garant dieser Authentizität und Integrität positioniert und das gleichzeitig genau dieser Ort auch be- und hinterfragbar bleibt. Im aktuellen Diskurs (auf Tagungen und in Gesprächen) sehe ich auch genau diese Tendenz von Archiven, was, wenngleich möglicherweise eine subjektive Wahrnehmung meinerseits ist, dennoch erfreulich ist.
Als Wissenschaftlerin und als Archivarin sehe ich mich in der Pflicht, immer wieder auf dieses Spannungsverhältnis zwischen Archiv und Wissenschaft hinzuweisen und eine Brücke zu schlagen.
Zurück aber zur Diskussion und zur Banalität des Bösen.
Was ist denn nun diese Banalität des Bösen? Um dieser Frage nachzugehen, haben wir uns einen kurzen Ausschnitt aus der ARD-Reportage "Die Katastrophe vor Gericht. Der Eichmann-Prozess vor 60 Jahren" vom 7. April 2021 angeschaut (ab Min. 6:26 bis 10:33). Am Ende dieses Ausschnitts heisst es: "Schuldig oder nicht schuldig?". Eichmanns Antwort: "Im Sinne der Anklage nicht schuldig".
Diese Aussage wird in seinem Gnadengesuch, welches er noch 48 Stunden vor seiner Hinrichtung in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 schrieb, unterstrichen. Darin heisst:
"Es ist nicht richtig, daβ ich eine so hochgestellte Persönlichkeit gewesen wäre, daβ ich die Verfolgung der Juden selbständig hätte betreiben können, und betrieben hätte. Gegen eine solche Machtfülle spricht deutlich die von den Richtern im Urteil übergangene Tatsache, daβ ich niemals einen solchen hohen Dienstrang hatte, der mit so entscheidenen selbständigen Befugnissen hätte verbunden werden [müβen]. So habe ich auch keine einzige Anordnung im eigenen Namen gegeben, sondern stets nur "im Auftrag" (i.A.) gehandelt. […] Ich erkläre nochmals, wie bereits vor Gericht geschehen: ich verabscheue die an den Juden begangenen Greuel als gröβte Verbrechen und halte es für gerecht, da[β] die Urheber solcher Greuel jetzt und in Zukunft zur Verantwortung gezogen werden. Es ist dabei aber die Grenze zu ziehen, zwischen den Verantwortlichen Führern und den Personen, die wie ich, lediglich Instrument der Führung sein muβten."
Was wir hier lesen, ist eine detaillierte Beschreibung der Banalität des Bösen. Arendt attestiert ihm Dummheit: "aber diese Dummheit hatte er. […] Da ist keine Tiefe – das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist." (Eichmann war von empörender Dummheit, 7f.)
Vielleicht können wir es auch schlicht und einfach Gleichgültigkeit nennen, denn auch das war Eichmann, gleichgültig, selbst wenn er, wie ich in dem verlinkten Essay zeige, von der Banalität des Bösen gewusst und davon Gebrauch gemacht haben könnte.
Viel wichtiger aber als die Frage von wem eigentlich diese Banalität ausging, ist die Frage: Was tun wir? Ist es wirklich so, dass es "[d]en Menschen, der oben am Rand des Massengrabs steht, [in] den meisten Fällen ebenso wenig danach verlangt [hat], dorthin zu kommen, wie denjenigen, der tot oder sterbend unten in dieser Grube liegt" (Littell 30), wie der Protagonist, ein fiktiver SS-Offizier, in Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten erzählt? Sind "die wirkliche Gefahr – vor allem in unsicheren Zeiten – […] die gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht"? (Littell 35)
Vielleicht hat es den Menschen nicht danach "verlangt" am oberen Rand des Massengrabs zu stehen, aber er hat es getan. Weil der Weg zum Wir bestritten wurde, nicht zum Ich. In Bezug auf Eichmann erklärt Hannah Arendt:
"Er wollte mitmachen. Er wollte Wir sagen, und dies Mitmachen und dies Wir-sagen-Wollen war ja ganz genug, um die allergröβten Verbrechen möglich zu machen." (Eichmann war von empörender Dummheit, 38)
Die viel grundsätzlichere Frage aber ist: Wie ist dieser Mensch zum Wir gekommen? Wie ist der, der am oberen Rand des Massengrabs steht genau dort gelandet? Wie ist er in ein System gekommen, dass das Böse zur moralischen Instanz erhebt und nicht das Gute?
Ich empfinde diese Fragen als höchst aktuell und ich empfinde es vor allem als meine Pflicht als Mensch, das Gute hochzuhalten und nicht das Böse. Dazu müssen wir zurück zum Ich oder mindestens beim Ich bleiben. Nicht, aus purem Egoismus, nicht aus Individualitätssucht, sondern weil wir unsere Urteilskraft behalten müssen, um darüber zu richten, was richtig und was falsch ist. Klaus-Rüdiger Mai formuliert es in Ich würde Hitler erschiessen. Sophie Scholls Weg in den Widerstand so: "Wer vom Ich zum Wir will, befindet sich auf dem Weg in die Diktatur. Der Weg aber vom Wir zum Ich führt hinaus." (15)
Oder anders:
"Wenn man zu einem Teil eines Mechanismus wird, übernimmt man die gleiche Verantwortung wie jeder andere Teil." (Albahari)
Wir hatten uns zum Abschluss über die verschiedenen Ebenen und Perspektiven auf dieses Thema unterhalten: die psychologische, die philosophische, die juristische, die politische und die moralisch/ethische Ebene. All diese müssen bedacht werden, um ein holistisches Bild zu formen. Auch waren wir einig darüber, dass die Moral und Ethik in allen Fragestellungen des Lebens einfliessen, gar an oberster Stelle stehen muss. Ich komme nach einigem Nachdenken zu der Einsicht, dass noch etwas anderes vorausgehen muss: Das unbedingte Festhalten am Guten.
Mit Dank an alle, die sich beteiligen!
Beim nächsten Mal wird es wieder musikalisch, mit einem Songtext, der mich seit Erscheinen beschäftigt: Keine Angst von Danger Dan. Ausgehend von diesem Song werden wir uns am 18. Oktober mit den Grenzen der Kunstfreiheit beschäftigen. Kommt vorbei. Ich freue mich sehr!
Text: © Anne Bendel, Nachbesprechung Das Literarische Café vom 27. September 2026
Images: Allen Y, unplash
Quellen:
Hannah Arendt. Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München/Berlin, Piper: 2016, 13. Auflage.
Hannah Arendt und Joachim Fest. Eichmann war von empörender Dummheit. Gespräche und Briefe. München/Zürich, Piper: 2011.
David Albahari. Götz und Meyer, Eichborn: 2003.
Eichmann, Adolf. Gnadengesuch vom 29.05.1962, Bundesarchiv Koblenz, All. Proz. 6/182, Fotokopie, Typoskript.
Klaus-Rüdiger Mai. Ich würde Hitler erschiessen. Sophie Scholls Weg in den Widerstand. Bonifatius: 2023.
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