Archive in der Gegenwartsliteratur
Seit einiger Zeit beschäftigt mich die Frage nach der Rolle des Archivs in der Literatur. Dabei geht es weniger um die Figur des Archivars in der Literatur, als vielmehr um die Verflechtung zwischen Literatur und Archiv. Wie gehen Autor:innen mit dem Archiv um? Wird das Archiv als ein literarisches Motiv genutzt und wenn ja wie?
Christoph Poschenrieder schreibt in einer Anmerkung zu seinem "unsichtbaren Roman", in dem er seinen unpatriotischen Protagonisten Gustav Meyrink einen Roman über die Schuld am 1. Weltkrieg schreiben lässt: "In […] Archiven und Bibliotheken fand ich […] wertvolle Hinweise und die mindestens ebenso wichtigen Abgründe, die sich zwischen den Fakten auftun". (271) An genau diesem Punkt setzt die Literatur an – zwischen den Fakten. Wissenschaftler:innen müssen sich in ihrer Arbeit stets auf Fakten verlassen. Schriftsteller:innen hingegen haben hier einen entscheidenden Vorteil – sie schreiben Geschichten und müssen dabei weder auf Fakten Rücksicht nehmen noch auf diese zurückgreifen. Trotzdem oder gerade deshalb kann die Literatur ein spannender Gegenpol zu Dokumenten im Archiv sein. Doron Rabinovici fasst dies eindrücklich zusammen: "Der Archivar, der mir den Zugang zu Akten verwehrt, behindert mich als Historiker, nicht aber unbedingt als Schriftsteller. […] Wie es gewesen sein wird, kann die Literatur verdeutlichen, und das bedeutet nicht bloß, wie es wohl geschehen sein könnte, sondern heißt weiters, eine Kalkulation, ein Zählen und ein Erzählen, eine Abrechnung mit dem, was uns noch zustoßen kann. Literatur vermag zu offenbaren, was den Einzelnen widerfuhr und wie es für sie gewesen sein wird. Es heißt, fortzuschreiben, wie es überwunden und einst eingesehen werden wird." (135).
In dem Roman "Verwirrnis" beispielweise, in dem der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Hans Mayer (1907-2001) als Leipziger Professor "Goethe höchstselbst" auftritt und die problematische Beziehung zu seiner Homosexualität über den Protagonisten Friedeward Ringeling und seinen Freund Wolfgang Zernik indirekt erzählt wird, schafft Christoph Hein genau dies: Möglichkeiten auszuloten, die genau so sein könnten, für die aber (noch) keine Fakten vorliegen.
Matthias Jügler nutzt in seinem Roman "Die Verlassenen", der vom Schweigen und Erinnern in vielen ostdeutschen Familien erzählt, Dokumente aus dem Archiv als aktiven Bestandteil der Geschichte. Beobachtungsberichte des Ministeriums für Staatsicherheit, Fotografien und handschriftliche Notizen fliessen als Dokumente in den Roman mit ein – ob diese allerdings tatsächlich existieren, konnte nicht überprüft werden.
Ein weiterer Roman, der das Archiv thematisiert, ist das "Blutbuch" von Kim de L`Horizon. Schon im dritten Kapitel wird mit einem Zitat von Kate Eichhorn ein Hinweis auf eine Dekonstruktion des Konzepts "Archiv" gegeben: "Die Hinwendung zu den Archiven ist keine Hinwendung zur Vergangenheit, sondern vielmehr ein Versuch, wieder handlungsfähig zu werden, in einer Zeit, in der die Fähigkeit, sich kollektiv andere Formen des Seins in der Welt vorzustellen, zutiefst erodiert ist." (117).
Nicht nur die Sprache wird in diesem Roman dekonstruiert, sondern auch das Erinnern und der Begriff der "Geschichte": "Als ich dir zu schreiben begann, dachte ich, dass ich "unsere Geschichte" schreiben wollte. Es stellte sich allerdings heraus, dass Menschen wie wir keine "Geschichte" haben; nichts, was sich zu einem wohltemperierten Familienroman zusammenhämmern liesse. Und was mich sowieso mehr interessiert als "unsere Geschichte", sind unsere Gefühle, Innerlichkeiten, das Geschichtete unseres stinknormalen Erlebens." (184) Dieser Absatz ist bemerkenswert: Ist nicht die Geschichte, unsere Geschichte, nichts anderes als die Schichten aus unzähligen Geschichten? Schichten über Schichten, die sich überlagern, verzweigen, vergessen und erinnert werden. Was ist, wenn wir bis zur innersten Schicht vordringen und plötzlich alles erkennbar wird? Können wir dann verzeihen und den Weg in die Zukunft ebnen?
Die Liste der Romane, in denen das Archiv eine Rolle spielt, könnte weitergeführt werden. Viele haben eines gemeinsam, so unterschiedlich sie auch sein mögen: Es geht immer um das Erinnern und im weitesten Sinne um den schwierigen Begriff der "Vergangenheitsbewältigung". Es geht aber auch darum, zu verstehen, und das ist nur möglich, wenn wir den Blick zurückwerfen. Archive können uns dabei helfen – zu bewahren, zu offenbaren, erkenntlich zu machen, was viele vor uns nicht wussten. Aber sie können dies nur begrenzt. Die Literatur kann hingegen vor allem eines: in die Schichten dazwischen, "zwischen den Fakten", schauen. Sie vermag zu offenbaren, was wir (noch) nicht wissen (können). Das ist die faszinierende und zugleich überwältigende Leistung der Literatur.
Text: © Anne Bendel, Januar 2023
Literatur:
de L`Horizon, Kim: Blutbuch. Köln: DuMont, 3. Auflage, 2022.
Hein, Christoph: Verwirrnis. Berlin: Suhrkamp, 3. Auflage, 2018.
Jügler, Mathias: Die Verlassenen. München: Penguin, 2021.
Poschenrieder, Christoph: Der unsichtbare Roman. Zürich: Diogenes, 2019.
Rabinovici, Doron: Vom Ort der Sammlung, in: Atze, Marcel (Hg. et al.): akten-kundig? Literatur, Zeitgeschichte und Archiv. Wien: Praesens, 2007/2008.
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